Nach der Wahlniederlage : Die SPD muss die Arbeiterpartei neu definieren

Was tun gegen den Niedergang? In der Opposition sollten die Sozialdemokraten jünger, weiblicher, östlicher werden – und glaubwürdiger. Ein Kommentar.

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Alt und neu: Der bisherige SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann mit seiner designierten Nachfolgerin Andrea Nahles.
Alt und neu: Der bisherige SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann mit seiner designierten Nachfolgerin Andrea Nahles.Foto: Kay Nietfeld/AFP

In einer Nacht 1400 neue Mitglieder – der ganze Stolz der SPD nach der krachenden Wahlniederlage. Und das ist doch auch schon was, oder? Ja – und nein. Das Signal des „Jetzt erst recht“ passt zur neuen Philosophie oder Strategie, passt auch zu den Aufrufen selbst aus den Kirchen, die lauten: Engagiert euch für die Zukunft, jetzt! Aber nein, weil es nur ein Anfang sein kann. Da muss noch sehr viel mehr Neues kommen.

Keine intellektuelle Neugründung ist nötig, aber eine Neudefinition des Begriffes Arbeiterpartei. Und das, nach Lage der Dinge, in der Opposition. Befreit vom Joch des Regierens und Koalierens. Bisher ist es auch nur der SPD jemals gelungen, sich in der Opposition zu regenerieren.

An und für sich ist die Opposition weniger Regierung im Wartestand, wie es landläufig schönfärberisch heißt, als vielmehr bloßer Wartestand. Was heißt: So lange zu warten, bis die Regierung dahingesiecht ist und zusammenbricht. Dennoch muss die SPD einiges dafür tun, um überhaupt als Alternative – eine gute, wohlgemerkt – wahrgenommen zu werden. Sie muss sich, als Allererstes, neu organisieren. Denn über die Selbstorganisation kommt die Person, die sich mit den zu bestimmenden Inhalten verbindet. Bis daraus eben eine Alternative wird.

Die bisher Führenden hatten ihre Zeit, jetzt ist die nächste Generation dran. Gerade die SPD als emanzipatorische Partei muss jünger und weiblicher und östlicher werden; zumal die Geringschätzung der Belange ostdeutscher Sozialdemokraten in der Partei zu ihrem desaströsen Abschneiden im Osten beigetragen hat.

Jetzt beginnt die "Mission Unermüdlichkeit"

Die Jungen zu finden, die Politik um der Veränderung willen machen wollen, ist eine große Aufgabe. Und sie wird noch größer, weil diese Jungen sich danach beweisen und behaupten müssen an der Seite derer, die schon da sind; zum Beispiel aus der ersten Nachfolgegeneration Manuela Schwesig und Andrea Nahles oder aus der zweiten Carsten Schneider und Michelle Müntefering.

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Aber mal angenommen, in den nächsten zwei Jahren, so lange dauert es mindestens, kommen junge Frauen und Männer nach ganz vorn – dann ist da ja noch die inhaltliche Seite. Nicht nur, dass die Spitzengenossen alle zusammen die AfD im Parlament stellen und ihr die angstbeladenen Themen nehmen müssen – sie alle zusammen haben sich auch den Menschen da draußen im Lande zu stellen. Sie müssen leibhaftig erleben, was die Leute so reden, und anfassbar sein. Die Genossen müssen gut hinhören und die Themen annehmen, praktisch wie im Dauerwahlkampf, und zwar alle aus allen Parlamenten; sie müssen verstehen, was passiert. Das ist die „Mission Unermüdlichkeit“. Das heißt: viel Arbeit für eine neue, moderne Arbeiterpartei.

Diese Arbeit erfordert Authentizität. Wenn Sozialdemokraten in den Kommunen, Ländern, im Bund reden, dürfen sie nicht über die Köpfe derer hinwegreden, die sie vertreten wollen, sondern müssen ihnen aus der Seele sprechen. Solidarität ist auch ein Gefühl, eines für den anderen. Sonst wird die SPD sich nicht mehr lange Volkspartei nennen dürfen. Früher 40, heute 20 Prozent – über Nacht ist das nicht zu ändern.

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