Nach der WM in Brasilien : Die ernüchterte Nation

Eine Woche nach der WM gehen sie erstaunlich gelassen mit dem Scheitern ihrer Träume um. „Vielleicht“, sagt einer, „sind wir Brasilianer einfach erwachsen geworden“.

Philipp Lichtrerbeck
In Brasilien setzt sich die Erkenntnis durch: Die Probleme nach der WM sind dieselben wie vorher.
In Brasilien setzt sich die Erkenntnis durch: Die Probleme nach der WM sind dieselben wie vorher.Foto: firo Sportphoto

In der Rua Benjamin Constant ist immer noch Weltmeisterschaft. Über der Straße flattern bunte Kunststoffstreifen, ein Treppenanstieg leuchtet in Grün und Gelb. Von einer Hauswand schauen einen selbstbewusst die brasilianischen Nationalspieler an – die doch am Ende vor allem weinten.

Für die Dekoration haben die Anwohner einen Preis erhalten: „Schönste Straße Rio de Janeiros.“ Die Auszeichnung wird zu jeder Fußball-WM vergeben, aber dieses Jahr hat man sich besonders viel Mühe gegeben. Ein Zeichner hielt sogar jeden Bewohner auf der Mauer eines Eckhauses fest. Alle tragen ein gelbes Trikot: „Gemeinsam auf dem Weg zum Hexa“, steht da. Der sechste WM-Titel, er schien so nah.

Nur eine Woche nach der WM wirken die Zeichnungen schon wie Überbleibsel einer vergangenen Epoche. Einer Zeit, in der Fußball für Brasilien noch sinnstiftend war. Als eine Nation sich in elf jungen Männern verschiedener Herkunft spiegelte. Und eine Gesellschaft, die die Gräben vergaß, die sie durchziehen.

Das Spiel, das endgültig alles änderte, sahen sie zu Hunderten vor einer Kneipe auf Großleinwand. Brasilien wurde von den Deutschen schwindlig gespielt, und schon in der Halbzeit machte ein Witz die Runde: „Anstoß Brasilien – Tor Deutschland. Elfmeter Brasilien – Tor Deutschland. Abpfiff – Tor Deutschland.“ Walter Peixoto, der seit 1986 mithilft, die Straße zu schmücken, war an dem Tag für den Grill zuständig: „Was willste da machen, Bruder. Fußball! Mal verliert man, mal gewinnt man. Brasilien ist aber immer Spitze im Volleyball.“ Für den 48-jährigen Peixoto geht das Leben weiter. „Vielleicht sind wir Brasilianer einfach erwachsen geworden.“

Keine nationale Depression

Schulterzucken als letzter Ausläufer einer Erschütterung. Eine nationale Depression, es scheint sie nicht zu geben. Der Fußball ist auch in Brasilien: nur noch ein Spiel.

Das war mal anders. Nach der Niederlage im Endspiel gegen Uruguay 1950 sollen sich mehrere Menschen das Leben genommen haben. Als Brasilien 1982 bei der WM gegen Italien ausschied, titelte eine Zeitung: „Verzweiflung bringt Hunderte in die Krankenhäuser.“ Damals habe man in der Rua Benjamin Constant die Wandgemälde überstrichen, „noch in derselben Nacht“, erinnert sich Peixoto.

Doch alles, was man nun, nach dem 1 : 7, registrierte, waren brennende Busse in São Paulo und ein wutentbrannter Mann, der seinen Fernseher auf die Straße schmiss und zum Youtube-Hit wurde. In der Benjamin Constant gipste einer spontan das Gesicht von Nationaltrainer Felipe Scolari zu. „Wir zwangen ihn, es wieder freizulegen“, sagt Peixoto, „er bat um Entschuldigung.“

Muss man Brasilien neu denken? Hat das Land über den letzten drei, allesamt verkorksten Weltmeisterschaften seine Beziehung zum Fußball neu geordnet?

In der Niederlage vergehen die Illusionen

„Der Fußball war unser Brücke in die Moderne“, sagt Roberto da Matta. Der 78-Jährige sitzt im sonnigen Garten seiner Villa in Niteroi, Rios Schwesterstadt auf der anderen Seite der Guanabara-Bucht. Da Matta gilt als der wichtigste Anthropologe Brasiliens, 2006 hat er ein Standardwerk über den Fußball geschrieben. Übersetzt heißt es: „Der Ball läuft schneller als die Menschen“.

Da Matta fährt sich nachdenklich durch den grauen Bart: „Der Fußball gab uns Selbstbewusstsein und das Gefühl dazuzugehören.“ Aber heute, das habe die WM gezeigt, sei die Sache komplexer. Denn Modernität, das Dazugehören, werde nicht auf dem Fußballplatz entschieden. „Modernität, das heißt auch: Rechtsstaat, Bildung, Krankenhäuser, Sicherheit.“

Deswegen sei das 1:7 gut gewesen. In der Niederlage vergehen die Illusionen. Brasilien könne nicht mehr darauf hoffen, dass elf junge Männer es von seinen Sünden erlösten.

Dennoch, auch das sei klar, bleibe der Fußball das schönste Spiel der Welt. Er selbst, sagt da Matta, habe alle 64 WM-Spiele gesehen.

Sofia Gomes war bei sieben Spielen dabei, alle im Maracanã-Stadion. Vom Finale schmerzen immer noch ihre Waden. „Diese hochhackigen Schuhe!“ Gomes hat als Hostess in einer Vip-Lounge gearbeitet, obligatorisches Outfit: blaue Uniform, roter Lippenstift, zusammengebundene Haare.

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