Politik : Nach Entführungen zur Kasse?

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Berlin - Die Opfer von Entführungen werden an den Kosten ihrer Befreiung nicht regelmäßig beteiligt – und wenn, dann eher symbolisch. Möglich wird eine Kostenbeteiligung nach dem Konsulargesetz, grundsätzlich aber prüft das Auswärtige Amt bei der Entscheidung über die Kostenbeteiligung die „besonderen Umstände des Einzelfalls“.

Auch 2000, nach der Befreiung der Göttinger Familie Wallert aus philippinischer Geiselhaft, hieß es deshalb, die Kostenfrage sei „nicht vordringlich“. Die 15 deutschen Sahara-Geiseln mussten 2003 jeweils zwischen 1092 und 2301 Euro zahlen. Die Regierung begründete das damals mit horrenden Gesamtkosten der Befreiung und öffentlichem Druck.

Zum Fall des in Jemen gekidnappten Jürgen Chrobog sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes, Chrobog sei noch während seiner Zeit als Staatssekretär bei einem Besuch in dem Land vom heutigen jemenitischen Vize-Außenminister aufgefordert worden, die Sehenswürdigkeiten des Landes zu würdigen, und habe dann nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst sein Versprechen erfüllen wollen. Die Kosten der Reise habe er persönlich getragen. Der AA-Sprecher bestritt, dass Deutschland für die Befreiung eine Gegenleistung erbracht habe.

Nach den neuen Entführungsfällen wird das AA seine Sicherheitshinweise für Jemen überprüfen. Diese Hinweise werde sich das Ministerium „in den nächsten Tagen noch einmal sehr genau anschauen“, sagte der Sprecher. Bisher bescheinigt die Behörde der jemenitischen Regierung, Touristen „mit Nachdruck und gutem Erfolg“ vor Gewaltakten zu schützen. Deutsche Reiseveranstalter zogen erste Konsequenzen aus den Entführungsfällen. Sie erklärten, sie würden Angebote einschränken oder ihre Touren in Jemen ändern.

Unterdessen drohten die Entführer von fünf in Jemen verschleppten Italienern am Montag, ihre Geiseln zu töten, sollte das Militär eine Befreiungsaktion starten. Die zwei Männer und drei Frauen waren am Vortag in der ostjemenitischen Provinz Marib von Mitgliedern des Al-Saidi-Stammes entführt worden. Die Geiselnehmer wollen acht wegen Blutrache inhaftierte Angehörige freipressen. „Die Entführer haben den Behörden gesagt, sie würden die Geiseln töten, falls es eine Militäraktion gegen sie gibt“, sagte ein Kommunalbeamter in der Provinzhauptstadt Marib.

Das Militär habe die Gegend um Serwah, wo die Italiener festgehalten werden, zunehmend eingekreist, berichteten italienische Medien. Ziel sei es, Druck auf die Kidnapper auszuüben. „Aber wir werden keine Gewalt anwenden“, sagte ein Regierungssprecher. Der Schutz der Geiseln, die mit einer Touristengruppe des Reiseveranstalters „Avventure nel Mondo“ (Abenteuer in der Welt) unterwegs waren, habe oberste Priorität, hieß es in Jemen weiter.

Die drei Frauen waren am Sonntag kurz nach der Entführung zunächst freigelassen worden, kehrten Stunden später aber freiwillig in Geiselhaft zurück. Sie hätten sich der Trennung von ihren männlichen Begleitern widersetzt, hieß es aus Sicherheitskreisen in der Hauptstadt Sanaa. hmt/m.m./dpa

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