Nach Erdbeben : Haiti – Trümmer, Leid und Leichen

Die Millionenmetropole Port-au-Prince ist offenbar zu 70 Prozent zerstört. Hillary Clinton vergleicht die Katastrophe mit dem Tsunami von 2004. Mehr Retter erreichen die Region – auch die Bundeswehr will helfen.

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Unzählige Tote lagen am Donnerstag in den Straßen von Haitis Hauptstadt. Tausende Menschen sind vermutlich noch verschüttet. -Foto: dpa epa efe

Berlin - Zwei Tage nach dem schweren Erdbeben in Haiti war das ganze Ausmaß der Katastrophe auch am Donnerstag noch nicht absehbar. Die Hauptstadt Port-au-Prince, die am schlimmsten betroffen ist, soll zu 70 Prozent zerstört worden sein. Von dort kamen grauenhafte Bilder: Durch die Ruinen der Stadt irrten nach Angaben verschiedener Medien tausende verletzte, hungernde und ganz offensichtlich traumatisierte Menschen. Auf den Straßen der Millionenmetropole lagen unzählige Leichen, die bei Tagestemperaturen um die 25 Grad zu verwesen begannen. Überlebende versuchten weiter mit bloßen Händen, Verschüttete aus den Trümmern zu retten. Tausende werden noch unter den Trümmern vermutet.

Im Laufe des Tages trafen in dem armen Karibikstaat immer mehr internationale Helfer ein. Ihre Arbeit wird schwer behindert, weil die Infrastruktur nahezu komplett weggebrochen ist. Offizielle Opferzahlen gab es weiterhin nicht. Haitis Präsident René Préval sagte dem Sender CNN, es seien womöglich bis zu 50 000 Menschen ums Leben gekommen. Regierungschef Jean-Max Bellerive sagte, die Zahl der Toten könne „deutlich über 100 000“ liegen. Weil viele Krankenhäuser zerstört sind, behandelten Ärzte Verletzte unter freiem Himmel oder in Zelten. Es häuften sich die Meldungen über Plünderungen.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sprach in New York von einer „großen humanitären Notsituation“. Unter den zahlreichen Gebäuden, die durch das Beben der Stärke 7,0 am Dienstagnachmittag zerstört wurden, ist auch das Hauptquartier der UN. Bei dem Erdbeben starben mindestens 36 Mitarbeiter der Vereinten Nationen, wie ein Sprecher der UN-Mission Minustah mitteilte. Unter den Vermissten ist auch Minustah-Leiter Hedi Annabi, ein seit vielen Jahren mit Friedensmissionen betrauter tunesischer UN-Diplomat. In dem Land sind seit 2004 UN-Friedenstruppen im Einsatz. Unklar ist nach Angaben des Auswärtigen Amtes auch das Schicksal von knapp 100 Deutschen, die sich zum Zeitpunkt des Bebens in dem Land aufgehalten haben sollen.

Sowohl die US-Regierung als auch der Internationale Währungsfonds (IWF) sagten dem Karibikstaat jeweils 100 Millionen Dollar (jeweils rund 69 Millionen Euro) zu. „Haiti hat oberste Priorität“, sagte US-Präsident Barack Obama. Die Situation „verlangt nach amerikanischer Führung im Namen der Menschlichkeit“ und „im Vertrauen auf Gottes Hilfe“. Der frühere US-Präsident und UN-Sondergesandte für Haiti, Bill Clinton, sprach von einer der größten humanitären Katastrophen auf dem amerikanischen Kontinent. Er schätzte die Zahl der Betroffenen auf fast ein Drittel der insgesamt neun Millionen Einwohner Haitis. Gemeinsam mit Ex-Präsident George W. Bush soll Clinton die Erdbeben-Hilfe für Haiti koordinieren. Seine Frau, US-Außenministerin Hillary Clinton, brach eine Asienreise ab, um von Washington aus die US-Hilfe zu koordinieren. Sie verglich das Erdbeben mit der Tsunami-Katastrophe im Jahr 2004, bei der mehr als 220 000 Menschen starben. Das Beben habe Schäden von „unvorstellbarem Ausmaß“ verursacht, sagte Clinton dem US-Sender CBS.

Bei der Hilfe für die Erdbebenopfer sind nach UN-Angaben derzeit die Flugplätze des Landes das entscheidende Problem: „Dank der sofortigen Hilfe so vieler Staaten haben wir sehr viel Personal und Hilfsgüter. Aber wir müssen sie ja auch ins Land bringen. Die Flughäfen sind der Flaschenhals“, sagte UN-Nothilfekoordinator John Holmes am Donnerstag in New York. In den USA machte sich ein Flugzeugträger auf den Weg. Zudem entsandte Obama weitere 3500 Soldaten, die humanitäre Hilfe leisten und für Sicherheit sorgen sollen. Deutschland, Frankreich, Großbritannien und zahlreiche weitere Länder schickten Such- und Bergungsteams, Ärzte, Spürhunde, Medikamente und Lebensmittel.

Im Auswärtigen Amt beriet ein Krisenstab über weitere Hilfe. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sagte dem Tagesspiegel: „Obwohl bisher kein Hilfeersuchen vorliegt, unterbreitet die Bundeswehr selbstverständlich Vorschläge für konkrete und schnell umsetzbare Unterstützungsleistungen.“ Theoretisch ist auch denkbar, dass die Marine ihren Versorger „Frankfurt am Main“ entsendet, der als Lazarettschiff eingesetzt werden kann. mit cvm/S.K./AFP/dpa

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