Politik : Nach fast 20 Jahren Lügen und Vertuschung könnte Italiens Justiz den Fall nun aufklären

Roman Arens

Daria Bonfietti wirkt erleichtert. Auf dem Weg zur Aufklärung des mysteriösen Flugzeugabsturzes vom 27. Juni 1980 bei der Insel Ustica nördlich von Sizilien ist für sie nun ein großer Schritt gemacht worden - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Endlich ist kurz vor der Verjährung möglicher Verbrechen das Hauptverfahren gegen neun hohe, damals amtierende italienische Luftwaffen-Offiziere eingeleitet. Sie waren für den Abschuss oder die Kollision der Passagiermaschine mit einem Militärflugzeug nicht verantwortlich, wohl aber für das Vertuschen des wahren Geschehens.

Die linksdemokratische Senatorin Bonfietti leitet den Verband, in dem sich die Angehörigen der 81 Todesopfer des Unglücks zusammengetan haben. Nach mehr als 19 Jahren voller Untersuchungen und phantasievoller Spekulationen über die Ursache der Katastrophe wird die Annahme immer wahrscheinlicher, dass die DC 9 der Fluggesellschaft Itavia bei der Insel Ustica zufälliges Opfer eines Luftkrieges zwischen Flugzeugen der Nato und Libyens geworden ist. Lange war Senatorin Bonfietti gegen eine "Gummiwand" des Schweigens und Vertuschens gelaufen. Lügen, falsche Fährten und Unterschlagung von Beweismaterial hatten akribische Ermittlungen sabotiert, deren Ergebnisse mittlerweile eineinhalb Millionen Blatt Papier füllen.

Die Nachkriegsgeschichte Italiens ist reich an schillernden Geheimnissen und nur unvollkommen geklärten Kriminalfällen. Das brisanteste Geheimnis, das um die Flugzeug-Explosion bei Ustica, wollte das italienische Militär mit aller Gewalt unaufgeklärt halten. Insgesamt 15 mögliche Mitwisser sollen auf seltsame Weise ums Leben gekommen sein, durch plötzliche Herzinfarkte trotz blühender Gesundheit, durch Selbstmorde, durch Auto-Zusammenstöße mit nie gefundenen Unfallgegnern oder durch Flugzeugabstürze.

Auch das von der Elite-Luftstaffel "Frecce Tricolore" verursachte Unglück bei der Luftshow im pfälzischen Ramstein mit 70 Todesopfern und mehreren hundert Verletzten im Jahre 1988 wird mit Ustica in Verbindung gebracht. Zwei der später in Ramstein getöteten "Frecce Tricolore"-Piloten, Ivo Nutarelli und Mario Naldini, sollen am 27. Juni 1980 just in dem Moment, als die DC 9 auf dem Wege von Bologna nach Palermo den Flugplatz Grosseto überflog, von dort mit ihrer Maschine aufgestiegen sein und etwas später die Tragödie der DC 9 beobachtet haben. Der Arzt der Flugstaffel hängte sich an seiner Badezimmertür auf; der Kommandant des Flughafens raste mit dem Auto gegen eine Platane.

"In jener Zeit des Kalten Krieges gab es eine Geheimnis-Kultur", sagte Luftwaffen-Kommandant Mario Arpino im vergangenen Jahr. Seine Offenheit und Hinweise, dass auch die USA und Frankreich mit ihrem Wissen hinter dem Berg gehalten hatten, brachten die Wende. Der hohe Offizier lieferte auch eine Erklärung, warum sich viele seiner Kameraden allen Nachfragen verweigerten: In den achtziger Jahren hätten die Militärs ein Drittel des italienischen Parlaments, Kommunisten und andere Linke, für "feindliches Gebiet" gehalten und sich dementsprechend benommen. Damals galt eisernes Schweigen als militärische Tugend; jetzt brachte dieses Verhalten den neun Generälen die Anklagen ein: Vier müssen sich wegen Hochverrats und Anschlag auf Verfassungsorgane verantworten, fünf wegen falscher Zeugenaussagen.

Die Wand des Schweigens, gegen die Daria Bonfietti ankämpfte, kann Löcher bekommen, wenn der Prozess im Dezember beginnt. Einstürzen wird sie wohl nicht. Es sind zu mächtige Interessen im Spiel - und internationale Weiterungen sind wahrscheinlich. "Jetzt gibt es ein ganz und gar politisches Problem", meint Senatorin Bonfietti, "es müssen Erklärungen von denen gefordert werden, die in der Unglücksnacht über dem Tyrrhenischen Meer unterwegs waren." Dies waren wohl amerikanische und französische Nato-Flugzeuge. Die Forderung nach Aufklärung durch die "verwickelten Länder" kommt auch von dem Parteivorsitzenden der Linksdemokraten, Walter Veltroni. In seiner Zeit als Vize-Premier unter Romano Prodi hatte die italienische Regierung von der Nato Radaraufzeichnungen über das offensichtlich kriegerische Geschehen am tyrrhenischen Himmel erhalten.

Das Hauptverfahren, so es nicht ohnehin wegen formaler Probleme und Schwierigkeiten der Beweiserhebung im Sande verläuft, richtet sich nur gegen das Vertuschen auf italienischer Seite. Es liefert bestenfalls, aber nicht zwingend eine glaubwürdige Darstellung dessen, wie der Flug der DC 9 von Bologna nach Palermo im Juni 1980 endete. Wer den Abschuss oder die Kollision verursacht hat, muss noch weiter erforscht werden. Die Anwälte der Hinterbliebenen fordern deshalb, die Untersuchungen jetzt nicht abzuschließen.

Dass die DC 9 Opfer einer "Aktion in einem nicht erklärten Krieg, einer internationalen Polizeiaktion" geworden sei, hat Richter Rosario Priore mit überraschender Deutlichkeit festgestellt. Auch Priore weist darauf hin, dass er nicht das Verfahren gegen die Hauptakteure eröffnet hat. Die Entscheidungen damals seien von solchem Gewicht gewesen, dass sie gewiss nicht ohne Deckung durch eine "höhere Ebene" möglich gewesen seien. "Die militärische Ebene muss mit einer nationalen, ausländischen oder internationalen höheren Ebene diskutiert und von ihr die Zustimmung erhalten haben", schreibt der mutige Richter.

Dass die italienischen Behörden das Militär anderer Nato-Länder zur Offenlegung seiner Quellen zwingen werden, ist unwahrscheinlich. Aus römischen Gerichtskreisen wurde gestern kolportiert, die Staatsanwaltschaft wolle nicht gegen die sogenannte "höhere Ebene" ermitteln.

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