Nach Gorleben : Atom-Transport: In La Hague wird wieder aufgeladen

Zum letzten Mal wird ein Castor-Transport aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in dieser Woche ins niedersächsische Gorleben rollen. Doch das Ende der umkämpften Transporte ist das noch nicht.

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Warnung vor Radioaktivität auf einem Castor-Transporter.
Warnung vor Radioaktivität auf einem Castor-Transporter.Foto: AFP

Die elf Transportbehälter sollen am Mittwoch am französischen Verladebahnhof Valognes ihre Reise zur deutsch-französischen Grenze beginnen.

Wird es nach dem aktuellen Castor-Transport weitere Atomtransporte geben?

Der aktuelle Castor-Transport ist der letzte, um hochradioaktive Abfälle aus Frankreich zurückzunehmen, die aus deutschen Atomkraftwerken vor 2005 in die französische Wiederaufarbeitungsanlage gebracht worden sind. Insgesamt waren das 5379 Tonnen. Doch damit sind die Atomtransporte aus Frankreich nicht beendet.

Zwischen 2014 und 2024 werden nach Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz weitere 150 Behälter mit hochdruckkompaktierten Abfällen und 20 Behälter mit in Glas eingeschmolzenen mittelradioaktiven Abfällen nach Deutschland rollen. Diese Abfälle sind bei der Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente zusätzlich entstanden und müssen ebenfalls zurück genommen werden. Aus Sellafield, der britischen Wiederaufarbeitungsanlage, werden von 2014 bis 2017 rund 21 Castorbehälter mit hochradioaktiven Abfällen erwartet.

Geht von den Castorbehältern im Zwischenlager Gorleben eine Strahlengefahr aus?

Im Zwischenlager Gorleben stehen derzeit 97 Castorbehälter mit hochradioaktiven Atomabfällen aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague und fünf weitere Behälter mit abgebrannten Brennelementen. Das Zwischenlager ist aus Sicht der Umweltorganisation Greenpeace eine „bessere Kartoffelscheune“.

Greenpeace hat ermittelt, dass mit dem aktuell erwarteten Transport aus Frankreich die Strahlengrenzwerte für das Jahr 2011 überschritten werden. Seit Wochen streitet Greenpeace mit der Genehmigungsbehörde, dem niedersächsischen Umweltministerium, über die Interpretation der Messwerte. Erst vor wenigen Tagen verweigerte der niedersächsische Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) Greenpeace die Akteneinsicht in die relevanten Unterlagen mit dem Argument, ein „öffentliches Interesse“ sei nicht erkennbar.

Greenpeace bezieht sich auf Informationen des Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), der vor einer Grenzwertüberschreitung gewarnt hatte. Daraufhin beauftragte Sander die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) mit einer neuen Strahlenmessung. Greenpeace argumentiert nun, dass Sander den Transport in dieser Woche nur genehmigen konnte, weil er die Strahlengrenzwerte für das erste Halbjahr des NLWKN mit denen der PTB kombiniert habe. Das sei aber eine fehlerhafte Rechnung.

Zulässig ist eine Jahreshöchstdosis von 0,3 Millisievert an einer Stelle des Zauns um das Transportbehälterlager, an der die höchste Strahlungsdosis gemessen wurde. Das niedersächsische Umweltministerium erwartet nach dem aktuellen Castortransport einen Höchstwert von 0,235 Millisievert. Der sogenannte Eingreifwert, von dem an die Einlagerung zunächst gestoppt werden muss, bis die Genehmigungsbehörde über Informationen verfügt, wie die Werte gesenkt werden können, liegt bei 0,27 Millisievert.

Greenpeace interpretiert die Daten nun so, dass eine Grenzwertüberschreitung schon dann eintreten dürfte, wenn die elf Castoren gar nicht erst in Gorleben ankämen. Das Umweltministerium in Hannover und die Betreiberfirma Gesellschaft für Nuklear-Service, eine Tochter der deutschen Atomkraftwerksbetreiber, kommen zum gegenteiligen Schluss, dass eine Grenzwertüberschreitung unwahrscheinlich sei.

In einem noch unveröffentlichten Gutachten der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags wird dagegen ein „interdisziplinäres wissenschaftliches Herangehen“ an die Frage der „Messunsicherheiten“ angeregt. Die Strahlenschutzkommission böte dafür den richtigen Rahmen, heißt es im Fazit des Gutachtens. Zuvor übt der Autor deutliche Kritik am niedersächsischen Umweltministerium, zum einen weil es die Messreihen nicht öffentlich zugänglich macht und zum anderen, weil die Interpretation der Messdaten keineswegs ausreichend wissenschaftlich begründet erscheine.

Gibt es noch andere Atomtransporte in Deutschland?

Während die Castor-Transporte nach Gorleben von großer öffentlicher Aufregung begleitet werden, fallen die meisten der jährlich rund 500 000 Atomtransporte in Deutschland nicht weiter auf. Im Auftrag der grünen Bundestagsabgeordneten Sylvia Kotting-Uhl hat Wolfgang Neumann vom Umweltberatungsunternehmen Intac in Hannover zu ermitteln versucht, wie viele Atomtransporte jedes Jahr stattfinden, welchem Zweck sie dienen sowie woher und wohin sie führen.

Die halbe Million Transporte ist eine Schätzung, weil Neumann von den Bundesländern lediglich Antworten bekam, die „unbefriedigend bis unakzeptabel“ waren, vier Länder hätten gleich gar nicht geantwortet. Deshalb musste Neumann eine Vielzahl von Informationsquellen auswerten. Nach Neumans Einschätzung haben rund 10 000 Transporte jedes Jahr einen direkten oder indirekten Bezug zum Betrieb der deutschen Atomkraftwerke.

Neben unbestrahlten Brennelementen aus Uran oder Mischoxid, die schon vor Beginn ihrer Nutzung Plutonium enthalten, wird Uranhexafluorid transportiert, das überwiegend aus der Brennelementefabrik in Gronau in Nordrhein-Westfalen stammt. Dorthin wird auch Uran zur Weiterverarbeitung zu Brennelementen transportiert. Außerdem fahren Transporte mit schwach- oder mittelradioaktiven Abfällen über Deutschlands Straßen und Schienen sowie kontaminierte Großkomponenten, die aus der Demontage von stillgelegten Atomkraftwerken stammen.

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