Nach Großrazzia in Frankreich : Hollande macht mobil gegen islamistischen Terror

Die Polizei weitet ihre Ermittlungen nach der Großrazzia vom Samstag aus, bei der ein Verdächtiger erschossen wurde. Der Präsident trifft sich derweil mit Vertretern der jüdischen Gemeinde und sichert ihnen Schutz zu.

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Präsident Francois Hollande und Vertreter der französischen Juden.
Präsident Francois Hollande und Vertreter der französischen Juden.Foto: Reuters

Paris - Einen Tag nach dem Schlag gegen eine islamistische Terrorzelle, bei dem der mutmaßliche Anführer erschossen wurde, hat die französische Polizei am Sonntag ihre Ermittlungen mit Hausdurchsuchungen und der Fahndung nach weiteren Verdächtigen fortgesetzt. Bei einem Gespräch mit den Repräsentanten jüdischer Organisation versicherte Präsident François Hollande, die Regierung werde alles tun, um das Bewusstsein der Bevölkerung gegenüber den Gefahren des Terrorismus zu schärfen. Die Mittel für den Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus und zum Schutz jüdischer Kultstätten würden verstärkt. Vertreter des Rats der Muslime Frankreichs wandten sich in einer Erklärung dagegen, die Umtriebe von Extremisten mit dem Islam gleichzusetzen. Die Mehrheit der Muslime wolle ihre Religion „in striktem Respekt der Werte der Republik“ leben.

Insgesamt elf Personen waren festgenommen worden. Außerdem wurden Waffen, eine Broschüre der Terrororganisation Al Qaida, 27 000 Euro in bar sowie vier Testamente und eine Liste mit den Adressen jüdischer Einrichtungen im Raum Paris sichergestellt. Hauptziel des Polizeieinsatzes am frühen Samstagmorgen in Straßburg, Cannes und der Region Paris war Jérémy Louis-Sidney. Wegen DNA-Spuren, die an Splittern gefunden wurden, gilt der 33-Jährige als einer der beiden Täter, die am 19. September eine Granate in ein jüdisches Geschäft in Sarcelles bei Paris warfen. Als die Polizisten ihn in Straßburg in der Wohnung seiner zweiten Frau festnehmen wollten, schoss er laut Staatsanwaltschaft mit einer großkalibrigen Waffe. Die Beamten erwiderten das Feuer und töteten ihn. Zur gleichen Zeit überwältigte ein Antiterrorkommando in Torcy bei Paris einen 22-Jährigen, ehe er zu seiner Waffe greifen konnte. Die übrigen Verdächtigen wurden ohne Zwischenfälle festgenommen.

Louis-Sidney wurde 1979 bei Paris geboren. 2008 wurde er wegen Drogendelikten zu zwei Jahren Haft verurteilt. Drei der Festgenommenen haben ebenfalls Vorstrafen wegen Drogenhandels, Diebstahl und Gewalttätigkeiten. „Es sind Delinquenten, die zum radikalen Islam konvertieren“, sagte der Pariser Staatsanwalt François Molins. Louis-Sidney habe diese Radikalisierung nach seiner Haft bei Besuchen fundamentalistischer Imame in Nordafrika vollzogen. Nach der Rückkehr kritisierte er die westliche Lebensweise seiner in Cannes lebenden ersten Frau und trennte sich schließlich von ihr, ohne vollständig mit ihr zu brechen. Als Vorbild habe er ihr seine zweite, nur religiös angetraute zweite Frau in Straßburg vorgehalten. Mit beiden habe er Kinder.

Unter Beobachtung stand Louis-Sidney erst seit diesem Frühjahr. Anhaltspunkte dafür, dass er oder andere der Verdächtigen ein Terroristenlager besucht hätten, haben die Ermittler nicht. „Wir haben es nicht mit Terrornetzen von außen zu tun“, sagte Innenminister Manuel Valls, „sondern mit Netzen, die in unseren Vorstadtvierteln entstehen. Die Tatsache, dass Louis-Sidney Autor eines der vier Testamente ist, deutet nach Meinung von Staatsanwalt Molins darauf hin, dass er bereit gewesen sei, als „Märtyrer“ zu sterben. Hans-Hagen Bremer

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