• Nach IS-Eroberung von Ramadi und Palmyra: US-Verteidigungsminister kritisiert Irak für Militärstrategie

Nach IS-Eroberung von Ramadi und Palmyra : US-Verteidigungsminister kritisiert Irak für Militärstrategie

Nicht nur in Syrien, sondern vor allem auch im Irak hat die Terrormiliz "Islamischer Staat" spektakuläre Erfolge errungen. Für das militärische Desaster macht Washington nun die Regierung in Bagdad verantwortlich.

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Auf der Flucht vor dem Terror: Einwohner aus Ramadi versuchen sich, vor den "Gotteskriegern" in Sicherheit zu bringen. REUTERS
Auf der Flucht vor dem Terror: Einwohner aus Ramadi versuchen sich, vor den "Gotteskriegern" in Sicherheit zu bringen.Foto: Reuters

Nach der spektakulären Eroberung vom Ramadi und Palmyra haben die Kämpfer des "Islamischen Staates" am Wochenende ihre Schreckensherrschaft in den neuen Territorien befestigt. In der syrischen Oasenstadt und ihrer Umgebung richtete sie nach Angaben von Menschenrechtlern mindestens 217 Menschen hin, die Mehrzahl Regimesoldaten, aber auch Frauen und Kinder. In Razzien durchkämmten sie die Wohnviertel, mehr als 600 Bürger wurden verhaftet.

Gleichzeitig kam es zwischen Bagdad und Washington zu einem scharfen Streit über die Gründe des militärischen Desasters im irakischen Ramadi. US-Verteidigungsminister Ashton Carter sagte in einem Fernsehinterview, die Niederlage wäre vermeidbar gewesen und warf den irakischen Truppen vor, ihnen mangele es an echtem Kampfeswillen. "Sie waren nicht in der Minderzahl, ganz im Gegenteil sie waren dem Gegner zahlenmäßig überlegen, und dennoch traten sie den Rückzug an", bemängelte Carter. Er verteidigte die Luftangriffe der alliierten Anti-IS-Koalition als effektiv. Doch könnten sie den Kampfeswillen der irakischen Bodentruppen nicht ersetzen.

Nur 500 Polizisten im Dienst

Premierminister Haider al Abadi wies die Kritik empört zurück und erklärte, der Pentagonchef sei falschen Informationen aufgesessen. Iraks Armee werde Ramadi schon in den nächsten Tagen zurückerobern. Gleichzeitig kündigt der Regierungschef an, der chaotische Rückzug aus der westirakischen Provinzhauptstadt werde untersucht und die Verantwortlichen bestraft. Von den 29.000 Polizisten in Ramadi waren zuletzt offenbar nur noch 500 zum Dienst erschienen. Die große Mehrheit dagegen hatte sich vor der IS-Offensive in den relativ sicheren Nordirak abgesetzt, wo die Ordnungshüter nach wie vor ihre monatlichen Gehälter überwiesen bekommen.

Im syrischen Palmyra riefen die Dschihadisten über Moschee-Lautsprecher die Bevölkerung auf, versteckte Soldaten oder Regimeangehörige zu melden. Erstmals drangen IS-Kämpfer auch in das Museum am Rande des weltberühmten, antiken Ruinengeländes ein. Nach Angaben von Augenzeugen zertrümmerten sie einige Gipsstatuen im Foyer, mit der das Alltagsleben vor 2000 Jahren dargestellt worden war. Anschließend stationierten die Terrormiliz eigene Wachen vor dem Gebäude.

Dschihadisten hissen schwarze Flagge über Palmyra

Nach Angaben des syrischen Antikendirektors Maamoun Abdulkarim waren in den vergangenen zwei Monaten alle Ausstellungsstücke, außer einigen tonnenschweren Sarkophagen, nach Damaskus in Sicherheit gebracht worden. Über der Fakhr-al-Din al-Maani-Festung aus islamischer Zeit, die hoch auf dem Berg neben dem römischen Säulenensemble thront, zogen die Dschihadisten ihre schwarze Flagge auf.

Nach ersten Aussagen von irakischen Offizieren und Augenzeugen aus Ramadi treffen die Vorwürfe des amerikanischen Verteidigungsministers offenbar weitgehend zu. Vor allem die Elitetruppe Bagdads, die sogenannte Goldene Division, habe sich im entscheidenden Moment Befehlen wiedersetzt und sich auf eigene Faust aus dem Staub gemacht. Danach sei die Moral der regulären Truppen ebenfalls rasch zusammengebrochen.

Die "Goldene Division" gilt als hoch mobil und wird als einzige Einheit seit ihrer Gründung von US-Ausbildern trainiert. Wie geflohene Wehrpflichtige zudem berichteten, sei in den eigenen Reihen auch deshalb Panik ausgebrochen, weil IS-Konvois von außen angriffen, während gleichzeitig im Stadtgebiet plötzlich bewaffnete Schläferzellen aufstanden, die der Armee in den Rücken fielen. Danach habe es keine Führung und keinerlei Koordination mehr zwischen den Truppenteilen gegeben. "Es war das komplette Chaos", zitierte die "Washington Post" einen hohen Offizier.

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