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Nach Israel-Gedicht : SPD streitet über Wahlkampfhilfe von Günter Grass

Nach seinem umstrittenen Gedicht fordern Teile der SPD, Grass künftig nicht mehr für den Wahlkampf einzuspannen. Thierse hält das "nicht für sinnvoll" und warnt davor, den Literaturnobelpreisträger zum Antisemiten zu machen.

Tagelang schwieg Grass zum gegen ihn verhängten Einreiseverbot, dann meldet er sich zu Wort und legt gleich neues Feuer nach. Er spricht von DDR-Methoden, Zwangsmaßnahmen und vergleicht die israelische Regierung mit der Stasi. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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11.04.2012 19:53Tagelang schwieg Grass zum gegen ihn verhängten Einreiseverbot, dann meldet er sich zu Wort und legt gleich neues Feuer nach. Er...

Führende SPD-Politiker wollen künftig auf Wahlkampfhilfe von Literaturnobelpreisträger Günter Grass verzichten. Mit Grass' umstrittenen Gedicht zu Israels Atompolitik habe sich „die Frage von künftigen Wahlkampfunterstützungen für die SPD erledigt“, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Christian Lange, der „Welt“ (Dienstagausgabe).
Ähnlich äußerte sich der SPD-Politiker Reinhold Robbe. Ich möchte Grass nicht mehr in einem Wahlkampf für die SPD erleben“, sagte er dem Blatt. Grass habe sich mit seinen jüngsten Äußerungen zwischen sämtliche Stühle gesetzt. „Wahlkampfaktionen mit Grass würden viele Sozialdemokraten jetzt als Provokation und nicht als Unterstützung empfinden.“ Davon abgesehen gelte mit Blick auf Grass: „Seine Zeit ist einfach vorbei.“

Leben und Werk von Günter Grass
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13.04.2015 12:04Geschichtenerzähler, Mahner und politischer Provokateur: Günter Grass hat in Deutschland viele Rollen ausgefüllt. Seine Romane...

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse hält einen vorzeitigen Ausschluss Grass' aus dem Wahlkampf dagegen nicht für sonderlich sinnvoll: „Ich halte nichts davon, dass die SPD nun gewissermaßen wie der Staat Israel Günter Grass zur Persona non grata erklärt“, sagte der Sozialdemokrat am Dienstag im Deutschlandfunk. "Man soll mit ihm in der Sache streiten, seine Urteile kritisieren, aber ihn nicht als Person diskreditieren“, sagte Thierse. Zudem sei völlig offen, ob der Schriftsteller überhaupt erneut Wahlkampf für die SPD machen wolle. „Er hat nie alle Positionen der SPD vertreten, sondern war ihr in kritischer Solidarität verbunden.“

Zugleich warnte Thierse davor, Grass zum Antisemiten zu erklären: „Wenn man Günter Grass wegen dieser einseitigen kritischen Position zum Antisemiten macht, dann ist das fatal.“ Dadurch entstehe der Eindruck, „Deutsche höheren oder mittleren Alters könnten dem Antisemitismus niemals entrinnen“. Zudem werde das Vorurteil bestätigt, „dass Kritik an Israel ganz schnell des Antisemitismus verdächtig ist“.

Grass machte seit Jahrzehnten Wahlkampf für die SPD. In den 1960-er Jahren hatte er sich leidenschaftlich für die Wahl des Sozialdemokraten Willy Brandt zum Kanzler eingesetzt. Seine Erfahrungen im Bundestagswahlkampf 1969 hatte Grass in dem Buch „Aus dem Tagebuch einer Schnecke“ verarbeitet.

(mit AFP, dpa)

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