Nach Kölner Urteil : Justiz prüft neuen Fall von Beschneidung
23.08.2012 00:00 UhrReinhard Merkel warnt davor, die Beschneidung zu verharmlosen
Peter Dabrock zum Beispiel spricht sich gegen ein Verbot der Beschneidung aus, befürwortet allerdings vehement eine gesetzliche Regelung. Aus einem seiner Ansicht nach schwerwiegenden Grund: Der stellvertretende Vorsitzende des Ethikrats und Professor für systematische Theologie sieht im Zuge der heftigen öffentlichen Debatte den Rechtsfrieden gefährdet. „Hier ist der Bundestag als Gesetzgeber gefordert.“ So müsse zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Recht der Kinder auf körperliche Unversehrtheit geklärt werden, wie schwerwiegend der Eingriff überhaupt sei. Er frage sich aber schon: „Würde die Weltgesundheitsorganisation die Abtrennung der Vorhaut gerade für Erwachsene befürworten, wenn sie hoch gefährlich ist?“
Dieses Argument würde Reinhard Merkel sicher nicht gelten lassen. Er warnt davor, die Beschneidung zu verharmlosen. „Der Eingriff geht zwar sehr selten, aber doch gelegentlich mit gravierenden Komplikationen einher, Studien belegen diese Gefahr“, sagt der Hamburger Strafrechtler und Rechtsphilosoph. Zudem sei der Schnitt ohne Betäubung für die Kinder schmerzhaft und qualvoll. Auch Juden in den USA und Israel würden sich deshalb immer häufiger gegen eine Beschneidung aussprechen. Und Merkel hält diesen Ritus für ungerechtfertigt, falls man ihn mit Hinweis auf die Religionsfreiheit begründete. „Es wäre grotesk, wenn der Gesetzgeber einer einzelnen Glaubensgemeinschaft ein autonomes Recht einräumen würde, in den Körper anderer Menschen, zumal Kindern, einzudringen.“
Bildergalerie: Die Debatte um die Beschneidung
Merkel weiß aber auch, dass das Thema eine erhebliche politische Dimension hat. Die Bundesrepublik müsse alles daran setzen, mit jüdischen Belangen sorgsam und sensibel umzugehen. Da gebe es überhaupt keine Frage. „Doch reicht das im 21. Jahrhundert aus, um an einem, jedenfalls für die betroffenen Kinder, barbarischen Ritual festzuhalten?“
Leo Latasch kann da wohl nur mit dem Kopf schütteln. Er kennt sich als Mediziner, Fachmann für Schmerztherapie und Jude mit Beschneidungen aus, weiß über Vor- und Nachteile zu berichten. Es könne in Ausnahmefällen zwar zu Komplikationen kommen. Doch Studien, die eine immense Gefahr für Leib und Wohl der betroffenen Kinder beweisen wollen, hält er für „unseriösen Humbug“. Dennoch hätte er kein Problem damit, wenn die jüdischen Beschneider, die Mohelim, medizinische Prüfungen ablegten, Hygienevorschriften verbessert und lokale Betäubungsmethoden mehr als bisher angewendet würden – nicht als Anweisung, sondern als Empfehlung. Denn von einer gesetzlichen Regelung hält Latasch, der auch Direktoriumsmitglied des Zentralrats der Juden ist, herzlich wenig. Seiner Überzeugung nach würde das bedeuten, die Religionsfreiheit in unzulässiger Art und Weise einzuschränken. „Es wäre das erste Mal, dass sich Bundesregierung und Bundestag in die inneren Angelegenheiten einer Religionsgemeinschaft einmischen würden. Das kann, das darf nicht sein.“ Insofern sei ihm sehr an einer Versachlichung der sich hochschaukelnden Debatte gelegen. Vielleicht gelingt das ja dem Ethikrat – trotz aller inhaltlicher Differenzen.























