Politik : Nach Lafontaines Abgang liefen die Drähte heiß

CORINNA VISSER

Kaum hatte Finanzminister Oskar Lafontaine am Donnerstag abend seinen Rücktritt bekannt gegeben, tummelten sich die ersten Anleger auf der Internet-Seite der Münchner Direkt Anlage Bank.Bis 22 Uhr, wenn auch in New York die Börse schließt, kann man dort in Echtzeit Kurse abfragen und im außerbörslichen Handel Aufträge plazieren.In der Spitze waren über 350 Benutzer sekundengleich im Netz."Zwischen 18 und 22 Uhr haben wir über 1000 Orders angenommen.Das ist eine Steigerung von über 120 Prozent gegenüber dem normalen Geschäft", sagt Vorstand Matthias Kröner.Und fast alle Aufträge lauteten: Kaufen.

Auch am Freitag morgen brummte das Geschäft weiter.Bis 12 Uhr gingen 7000 Orders bei der Direkt Anlage Bank ein, mehr als 50 Prozent über das Internet, der Rest per Telefon oder Fax.Normalerweise werden halb so viele Aufträge abgewickelt."Am Donnerstag hatten wir den ersten Belastungstest für unser neues Handelssystem, das wir seit Dezember haben", sagt Kröger.Und alles lief reibungslos - keine Ausfälle, keine Fehler.Beim Discount-Broker Consors war am Donnerstag abend noch nicht viel los.Denn dort können die meisten Kunden nur bis 18 Uhr ordern, Eurex-Werte bis 19 Uhr.Doch ab Freitag morgen pünktlich um 8 Uhr ging es auch bei Consors rund."Es war extrem viel los", sagt Karl Matthäus Schmidt, Vorstand bei Consors.Gleiches meldet die Comdirekt Bank.

"Der Telefonhandel kann so viele Anfragen wie an diesem Morgen gar nicht managen", sagt Thomas Schmidt vom Discount-Broker Fimatex, einer Tochter der Société Générale.Wer Seine Order im Internet plazieren konnte, war besser und schneller dran.Schon ab Donnerstag abend 18 Uhr verzeichnete Fimatex mehr Besucher im Internet als sonst."Es war schon klar, daß die Börse heute freundlicher sein würde.Trotzdem warten die Anleger gespannt die Eröffnung ab, um bei Handelsbeginn zu sehen, was wirklich Fakt ist", sagt Thomas Schmidt."Und dann geht das Geschäft brutal schnell."

Der Anleger, der Aktien über das Internet kauft, ist nicht nur schneller."Er hat das höchste Maß an Unabhängigkeit", sagt Thomas Schmidt.Er kann sich rund um die Uhr und an jedem Ort über die aktuellen Börsenentwicklungen informieren und die Kurse in Echtzeit am Bildschirm verfolgen."Seinen Auftrag kann der Kunde dann sekundenschnell per Mausklick direkt im Orderbuch der elektronischen Börse plazieren", sagt Thomas Schmidt.Zur Verfügung stehen alle Werte aus Eurex und Xetra.Auch der Handel von Optionsscheinen und Futures kann über das Internet abgewickelt werden.

Ein weiterer Vorteil des Online-Handels sind die Kosten."Die Provision für eine normale Telefonorder bei einer herkömmlichen Bank kostet ein Prozent vom Orderwert.Bei uns zahlt der Kunde in der Spitze 0,19 Prozent pro Auftrag", sagt Thomas Schmidt.Das Minimum liegt bei 16 DM.Hinzu kommt eine Gebühr von 0,025 Prozent des Depotwerts im Quartal.Für die Nutzung der speziellen Handelssoftware verlangt Fimatex noch einmal 0,09 Euro pro Minute.Dafür bietet der Frankfurter Discount-Broker keinerlei Beratung und keinen Kredit.Es gibt aber auch keine Mindestanlagesumme.

Bei der Direkt Anlage Bank kann man ebenfalls ein Depot mit einer Einlage von nur einer DM eröffnen.Das Depot kostet zwei DM im Monat, für "exotische Werte" und Optionen verlangt die Tochter der HypoVereinsbank 1,50 DM pro Position und Monat.Jede Order kostet einen Grundpreis von neun DM plus eine Provision von 0,225 bis 0,05 Prozent pro Auftrag.Der Discount-Broker Consors verlangt 0,087 Prozent vom Depotwert am Stichtag 31.Dezember, hinzu kommen eine Kontoführungsgebühr von monatlich einer DM.Für eine Order bis 100 000 DM zahlt der Kunde neun DM Grundgebühr zuzüglich einer Provision von 0,21 Prozent, mindestens aber 19 DM.

Wer im Internet die Entwicklungen an der Börse in Echtzeit verfolgt und seine Aufträge ohne Zeitverzögerung plazieren kann, der kann auf Kursschwankungen spontan reagieren und Aktien innerhalb von kürzester Zeit kaufen und verkaufen.Auch die Comdirekt Bank bietet ihren rund 90 000 Online-Kunden Börsenkurse in Echtzeit an und ermöglicht ihnen so, im Intraday-Handel kurzfristig Gewinne zu realisieren.Consors stellt seinen Kunden zur Zeit noch keine Echtzeit-Kurse im Internet zur Verfügung.Doch in den nächsten zwei Monaten soll es soweit sein.

Allerdings nur dann, wenn das System auch wirklich funktioniert.Doch die Technik ist anfällig.So ging nach einem Systemabsturz bei Fimatex am Freitag zwischen 8 Uhr 30 und neun Uhr gar nichts mehr.Auch bei Consors gab es technische Probleme."Wir haben eine neue Software eingespielt", sagt Karl Matthäus Schmidt."Die hohe Zahl der Orders war kein Problem."

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