Nach Morden an Senegalesen : Florenz zeigt Flagge gegen Rechts

Nach dem Mord an zwei Senegalesen distanziert sich Florenz mit einem städtischen Trauertag von Fremdenfeindlichkeit. Es war schon der zweite rassistische Anschlag in Italien innerhalb von vier Tagen.

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Auf dem Marktplatz erinnern Blumen und Kerzen an die beiden ermordeten Senegalesen.
Auf dem Marktplatz erinnern Blumen und Kerzen an die beiden ermordeten Senegalesen.Foto: AFP

Er besuchte die Treffpunkte von Rechtsextremisten, philosophierte im Internet über Ufos, über keltische Mythen, über jüdische Weltverschwörungen und über die „Spiritualität des weißen Mannes“. An diesem Dienstag dann griff der 50-jährige Gianluca Casseri zu seinem Revolver. Er fuhr auf einen Markt in Florenz und machte gezielt Jagd auf senegalesische Straßenhändler. Zwei erschoss er auf der Stelle, einen dritten verletzte er.

Zwei Stunden später ließ Casseri – wie Anders Behring Breivik in Norwegen – einen offenbar geplanten zweiten Teil folgen: Ungehindert fuhr er in die Innenstadt und schoss weiter, wieder auf Senegalesen. Nachdem er zwei verletzt hatte und merkte, dass die Polizei kam, verschanzte sich Casseri in seinem Auto und tötete sich selbst.

Derweil zogen wütende Senegalesen, in Florenz eine gut verwurzelte Gemeinde von 7 000 Personen, im Protestzug durch die Straßen, schrien „Italiener Rassisten! Italiener Mörder!“ und stürzten Mülleimer um. Geschäfte ließen aus Angst ihre Rollläden herab; die Polizei und ein Imam verhinderten größere Ausschreitungen.

Für Mittwoch rief Bürgermeister Matteo Renzi einen städtischen Trauertag aus; Geschäfte, Marktstände und Restaurants blieben aus „Protest gegen Rassismus“ und aus Solidarität mit den Opfern mittags zeitweise geschlossen.

„Ich habe Angst vor Fanatismus, der Gewalt und Tod sät“, sagte Renzi. Doch: „Es handelt sich nicht um die Aktion einer Gruppe, sondern um die ausländerfeindliche und wahnsinnige Tat eines Einzelnen“, so Renzi. Eine große senegalesische Gemeinschaft lebe seit Jahren ohne Probleme in der Stadt. Viele Bürger hätten sofort ihrer Solidarität Ausdruck verliehen und würden, wie er selbst auch, am Samstag an einem Protestzug der Senegalesen teilnehmen. Renzi hat keine Zweifel: Das traditionell linke Florenz besitzt „ausreichend Antikörper“ gegen Rassismus.

Und während neofaschistische Internetseiten den Mörder als „weißen Helden“ feierten, distanzierten sich Politiker aller Parteien von der Tat. Rechtsextreme sprachen von einem „Dorftrottel“, der „keine politischen Motive“ gehabt habe.

Die drei Angeschossenen liegen jetzt noch schwer verletzt im Krankenhaus.

Was der gescheiterte Buchhalter Casseri gegen Senegalesen hatte, ist unklar. Sein Amoklauf war schon der zweite rassistische Anschlag innerhalb von vier Tagen in Italien. Am Samstag hatten Schlägertrupps und aufgebrachte Bürger in Turin ein Roma-Camp niedergebrannt. Sie wollten damit die Vergewaltigung einer 16-Jährigen rächen, die diese Geschichte allerdings frei erfunden hatte. Brandanschläge auf Roma-Lager hatte es bereits vergangenes Jahr in der Nähe von Neapel gegeben. Im kalabrischen Rosarno lieferten sich schwarze Erntehelfer und Einheimische im Januar 2010 lange Straßenschlachten. Dabei spielte Rassismus aber kaum eine Rolle: Die Gewalt war von der Mafia angestachelt worden.

Einen Tag nach dem Mord ist die italienische Polizei in Rom gegen eine Gruppe von Rechtsextremisten vorgegangen. Fünf Mitglieder der Gruppe „Militia“ wurden am Mittwoch festgenommen. Gegen 16 werde ermittelt. Der Gruppe werde neben der Bildung einer kriminellen Vereinigung auch Anstiftung zum Rassismus vorgeworfen.

So sei in den von den Carabinieri sichergestellten Dokumenten etwa ein Plan für einen „Krieg gegen die Institutionen“ gefunden worden, der zahlreiche Gewalttaten vorsehe. Im Visier der Extremisten standen unter anderem die jüdische Gemeinde der Ewigen Stadt und rumänische Mitbürger, wie es hieß.

Doch auch wenn die Polizei jetzt nach dem Attentat die Rechtsextremen festgenommen hat, ist politisch motivierte rechte Gewalt in Italien sehr selten. Die Extremisten beschränken sich normalerweise auf Äußerungen in Fußballstadien. Im Norden wird das Klima allerdings geprägt durch die Hetzkampagnen der bisherigen Regierungspartei Lega Nord „gegen die Überfremdung“. Der Rest des Landes begegnet Ausländern eher mit Gleichgültigkeit oder einem karitativen Hilfsansatz. Oder er beutet sie gnadenlos aus, beispielsweise als Saisonarbeiter bei der Orangenernte oder auf den Tomatenplantagen von Apulien. mit dpa

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