Nach ZDF-Interview : Die Opposition lästert über Seehofers Röttgen-Attacke

Die Reaktionen der Unionsleute klingen weniger empört als besorgt – um den Bayern selbst und um die nächste Selbstdemontage des Regierungsbündnisses.

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Bayerns Ministerpräsident hat im Fernsehen ordentlich ausgeteilt. Unionsfreunde sagen, sie kennen die Methode: Schuld sind die andern, Bayern ist immer Teil der Lösung.
Bayerns Ministerpräsident hat im Fernsehen ordentlich ausgeteilt. Unionsfreunde sagen, sie kennen die Methode: Schuld sind die...Foto: dpa

In der schönen Kunst des Maximal-Radaus ist Horst Seehofer seit jeher einsame Spitze. Am späten Montagabend ist es wieder mal so weit. Seehofer ist Interview-Gast im „Heute-Journal“ und wettert, wie er’s schon den ganzen Tag getan hat, über die CDU: Dass der Ausgang der Landtagswahl in NRW ein „Debakel“ sei, dass er nicht bereit sei, jetzt einfach zur Tagesordnung überzugehen, dass jetzt schnellstens die drei Parteichefs der Koalition sich zusammensetzen und zeigen müssten: „Wir haben verstanden“. „Ich will den Erfolg dieser Koalition“, sagt Seehofer noch, „und keinen Ärger machen.“

Dann ist das Interview zu Ende. Dann plaudert Moderator Claus Kleber noch etwas mit ihm. Aber anders als sonst bleibt die Kamera an. Und so hört und sieht man Seehofer erst so richtig wettern. Über den CDU-Kandidaten Norbert Röttgen klagt er – wie er den beschworen hat, sich auf NRW festzulegen, aber der, „persönlich hat er mich dann abtropfen lassen, die Kanzlerin war ja dabei!“. Alles was schiefläuft, zählt er auf: Wahlniederlage um Niederlage, stockende Koalitionsvorhaben, Inflation am Horizont, die Umsetzung des Fiskalpakts – „das geht mir alles zu zäh!“. Und in Europa: „Ein Wachstumspaket gehört auch dazu! Wir werden mit Schuldenabbau nicht auf Wachstumskurs kommen!“.

Eigentlich schade, sagt Kleber, dass Politiker vor und nach einem Interview immer viel klarer redeten. „Das können Sie alles senden!“, sagt Seehofer.

Nicht nur Seehofer hat vor vermeintlich geschlossenen Mikrofonen gepatzt:

Politiker patzen vor dem Mikrofon
Entsprang Horst Seehofers ungewohnt ehrliches Interview einem Kalkül? Oder hat er sich tatsächlich spontan hinreißen lassen? Nur er selbst kann das wissen. Klar ist aber: Seehofer ist nicht der erste Politiker, der mit Äußerungen in die Schlagzeilen gerät, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Auch Barack Obama und Nicolas Sarkozy ist das schon passiert. Am Rande des G20-Gipfels 2011 in Cannes hörten Journalisten, wie US-Präsident Obama mit Frankreichs damaligem Präsidenten Sarkozy über Israels Ministerpräsidenten herzog. "Ich kann ihn nicht mehr sehen, das ist ein Lügner“, soll Sarkozy Mithörern zufolge über Benjamin Netanjahu gesagt haben. Obama habe geantwortet: "Du bist ihn leid, aber ich habe jeden Tag mit ihm zu tun.“Alle Bilder anzeigen
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15.05.2012 09:11Entsprang Horst Seehofers ungewohnt ehrliches Interview einem Kalkül? Oder hat er sich tatsächlich spontan hinreißen lassen? Nur...

Seither lachen sie sich in Berlin bei der Opposition ins Fäustchen. Grünen-Chefin Claudia Roth kichert: „Man merkt den Angstschweiß vor dem Machtverlust.“ In der Koalition herrscht dafür betretener Zorn. Besser hätte eine Generalattacke auf Schwarz-Gelb nicht mal Sigmar Gabriel hingekriegt. Dass der CSU-Vorsitzende ein eigenes Verständnis von Solidarität in der Union hat – er orientiert sich da am Modell der Einbahnstraße –, ist nichts wirklich Neues. Aber derart auf die aktuell ziemlich wehrlose Schwesterpartei eingedroschen hat er noch nicht.

Die Reaktionen klingen weniger empört als besorgt. „Mein Eindruck war, dass Horst Seehofer einen Beitrag leisten wollte zur Transparenz in der Politik, und das hat er in erfrischender Weise getan“, sagt Peter Altmaier, der Geschäftsführer der Unionsfraktion im Bundestag. Ansonsten sei das „ein Beitrag unter anderen in der Debatte, wie wir noch erfolgreicher werden können“. Das soll gelassen wirken. Aber die folgende Mahnung – man dürfe nicht das eigene Licht unter den Scheffel stellen – verrät Sorge vor der nächsten Selbstdemontage des Regierungsbündnisses.

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