Politik : Nachbarn sorgen sich um die Stabilität

Die NATO-Angriffe auf Jugoslawien haben die Befürchtung verstärkt, daß die Krise auf die Nachbarländer übergreift und die dort mit Mühe erreichte Stabilität wieder in Frage stellt.Seit 1989 entstanden mehrere Länder neu auf der Landkarte des Balkans.In vielen davon leben bedeutende ethnische Minderheiten.So wundert es nicht, daß die Nachbarn Jugoslawiens bei aller Unterschiedlichkeit der Wunsch nach Stabilität und unverletzlichen Grenzen eint.Wir dokumentieren die ethnische Ausgangslage und die außenpolitische Grundhaltung in diesen Staaten.

Albanien: 98 Prozent sind ethnische Albaner, nur eine Handvoll sind griechischen und mazedonischen Ursprungs.Die Regierung befürwortet den Plan der internationalen Kontaktgruppe für eine dreijährige Selbstverwaltung des Kosovo, bevor eine dauerhafte Lösung gefunden werden soll.Die Albaner sind überzeugt, daß Belgrad nur mit Gewalt dazu gezwungen werden kann.Die Stationierung von NATO-Truppen im Kosovo hält Tirana für nötig.Dessen völlige Unabhängigkeit hat Albanien nicht befürwortet.Die Regierung bestreitet, Waffen an die UCK-Rebellen zu liefern.

Bosnien: Die seit dem Dayton-Vertrag 1995 erreichte Stabilisierung wird durch den Kosovo-Konflikt wieder gefährdet.Vor dem Bosnien-Krieg siedelten die 45 Prozent Moslems, 32 Prozent Serben und 18 Prozent Kroaten vermischt, die Vertreibungen haben zu ethnisch homogenen Gebieten geführt.Die Nationalisten warten nur auf eine Gelegenheit, die für sie ungünstigen Grenzziehungen zu revidieren: Die Serben fordern insbesondere den Brcko-Korridor, die einzige Landverbindung zwischen dem Nordwesten und dem Osten Bosniens, die die Republika Srpska bilden.Die jüngsten Angriffe der Luftwaffe Serbiens auf die NATO-Truppen in Bosnien haben die Gefahr verstärkt, daß der Krieg nach Bosnien zurückkehrt.

Mazedonien: In der ehemaligen jugoslawischen Teilrepublik lebt eine starke albanische Minderheit von etwa 23 Prozent der Bevölkerung.66 Prozent sind Mazedonier, vier Prozent Türken und rund zwei Prozent Serben.Die Regierung in Skopje hat nach den Ausschreitungen gegen die Botschaften der USA, Großbritanniens und Deutschlands harte Maßnahmen gegen die Aufrührer angekündigt, die im serbischen Lager vermutet werden.Hauptsorge des Landes ist die wachsende Zahl an Flüchtlingen.Mazedonien hat die Stationierung von NATO-Einheiten auf seinem Territorium erlaubt, darunter 3000 deutsche Soldaten in Tetovo.

Griechenland: Obwohl kein direkter Nachbar Jugoslawiens, hat Griechenland traditionell starke Verbindungen zu den Serben und stemmt sich unter den NATO-Ländern am heftigsten gegen die Operation "Alliierte Kraft".Auch der innenpolitische Widerstand von links gegen die NATO-Operationen ist dort am stärksten.Athen mißachtete als einziger EU-Staat die Sanktionen gegen die jugoslawische Luftfahrtgesellschaft JAT im vergangenen Jahr.Außenminister George Papandreou sagte jedoch, der NATO-Einsatz sei notwendig für eine Friedenslösung.

Bulgarien: Eine mögliche Destabilisierung des Balkans würde Bulgariens wirtschaftliche Entwicklung stark zurückwerfen, befürchtet die Regierung.Sie beharrt auf der Stabilität aller Grenzen und ist gegen die Unabhängigkeit des Kosovo.Die Forderungen der UCK werden als überzogen zurückgewiesen.Als NATO-Beitrittskandidat versicherte Präsident Petar Stojanow der NATO jedoch die "atlantische Solidarität" im Konflikt mit Jugoslawien.Einen Massenandrang von Flüchtlingen aus dem Kosovo kann Sofia nach eigenen Angaben nicht verkraften.

Kroatien: Gut zwölf Prozent der Kroaten sind serbischer Abstammung.Die Albaner stellen eine sehr kleine Minderheit.Zagreb wünscht eine "möglichst umfassende" Autonomie für das Kosovo.Eine internationale Truppe zur Durchsetzung eines Friedensvertrages hält die Regierung für unvermeidbar.

Türkei: Die Türkei als relativ ferne Großmacht und als NATO-Mitglied hat erhebliche Interessen auf dem Balkan - nicht zuletzt historisch begründet.Jahrhundertelang war das Osmanenreich Kolonialmacht auf dem Balkan - aus dieser Zeit rührt der Umstand, daß heute noch eine 60 000 Menschen zählende Minderheit im Kosovo lebt.Ankara hat Belgrad aufgefordert, die im Oktober eingegangenen Verpflichtungen einzuhalten.Notfalls müsse eine Friedenslösung auch militärisch erzwungen werden.Die Unverletzlichkeit der jugoslawischen Grenzen steht für Ankara aber außer Frage. AFP

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben