Nachfolger-Suche : Die Lösungsnot von Angela Merkel

Um 15 Uhr lässt die FDP die Bombe platzen und sagt: Gauck muss es werden. Prompt schlägt die Union zurück: Mit uns nicht! Kurz liegt ein Hauch von Koalitionsbruch in der Luft. Aber dann hat Angela Merkel eine Idee.

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Seine Meinung. Ein Bürger hat sich mit Plakat und Botschaft auf zum Kanzleramt gemacht, in dem auch am Sonntag um die Wulff-Nachfolge gestritten wurde. Foto: Fabrizio Bensch, Reuters
Seine Meinung. Ein Bürger hat sich mit Plakat und Botschaft auf zum Kanzleramt gemacht, in dem auch am Sonntag um die...Foto: rtr

Das Stadttheater in der Wiener Walfischgasse hat eine ehrwürdige Tradition. 1720 ist die heutige Kleinkunstbühne als „Komödienhaus am Kärtnertor“ gegründet worden. Das passt ganz gut zu diesem Wochenende. Am Sonntag um elf Uhr liest Joachim Gauck dort aus seiner Autobiographie; „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ heißen die Erinnerungen des 72-jährigen Ex- Pfarrers, Ex-DDR-Bürgerrechtlers und Ex-Chefs der Stasi-Unterlagenbehörde. Aber die Leute mit den Kameras und Mikrofonen, die sich heute hier einfinden, interessiert nicht die Vergangenheit des Mannes mit dem zerfurchten Gesicht, sondern seine eventuelle Zukunft. Gauck lacht. „Rufen Sie doch Frau Merkel an!“

Zwei Stunden später fahren gut 500 Kilometer weiter nördlich dunkle Limousinen ins Berliner Kanzleramt. Mit Komödie hat wenig zu tun, was sich hier seit drei Tagen zuträgt. Mit Schauspielerei schon. Philipp Rösler steigt aus dem Auto. Er hat sich ein paar Sätze zurechtgelegt. Die FDP gehe „ohne jede Vorfestlegung“ in die weiteren Gespräche über einen Bundespräsidentenkandidaten, sagt der FDP-Chef, und dann versichert er noch, dass es nicht um Parteitaktik gehe, „ausdrücklich“ nicht, nur um ein einziges Ziel: die Würde und Autorität des höchsten Staatsamts wieder herzustellen.

Wenn einer so viele Worte um die eigene Lauterkeit macht, hat das wahrscheinlich einen Grund. Es könnte zum Beispiel sein, dass Rösler vorbeugen will. Er weiß, in der Union laufen schon welche rum, die verbreiten, diese Kleinstpartei FDP gebe den Blockierer. Wenig später meldet sich auch noch die Grünen-Chefin Claudia Roth empört zu Wort: Aus der Nachfolgesuche werde eine Castingshow, unwürdig sei das, vor allem diese FDP nehme sich ein „permanentes Veto“ heraus – da helfe nur ein Gespräch der Kanzlerin mit den Grünen.

Die Suche nach dem richtigen Kandidaten in Bildern:

Die Suche nach dem neuen Bundespräsidenten in Bildern
Bundespräsident in spe: Joachim Gauck im Kreis derer, die ihn nominieren.Weitere Bilder anzeigen
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19.02.2012 22:53Bundespräsident in spe: Joachim Gauck im Kreis derer, die ihn nominieren.

Wenn die FDP etwas fürchtet, dann das. Claudia Roth ist das völlig klar. Ihr Vorschlag ist eins von den vielen vergifteten Angeboten, die in diesen Stunden vor und hinter den Kulissen unterbreitet werden. Je länger die Suche nach einem neuen Staatsoberhaupt sich hinzieht, desto deutlicher wird, dass Parteitaktik dabei eine Hauptrolle spielt.

Dabei hatte sich alles so schön, ja geradezu versöhnlich angelassen nach den hässlichen Wochen der Agonie des Christian Wulff. Eine halbe Stunde nachdem am Freitag der Mann zurücktrat, den Merkel zwei Jahre zuvor im dritten Wahlgang ins Schloss Bellevue gekämpft hatte, verkündet die Kanzlerin, diesmal solle alles anders werden: Ein gemeinsamer Kandidat soll her, einvernehmlich ausgesucht mit SPD und Grünen.

Das kann man als staatstragende Opposition gar nicht ablehnen. Aber auch in diesem Angebot kann allerlei Gift stecken. Für SPD und Grüne ist klar: Wer immer am Ende herauskommt – es darf nicht so aussehen, als nicke der Majestät Opposition nur den Vorschlag der Kanzlerin ab. Dieselbe Sorge hat allerdings auch die FDP des Philipp Rösler. Sie fürchtet jedes Signal, das als schwarz-grün verstanden werden könnte oder als großkoalitionär oder als sonst eines, das sie aufs Abstellgleis verweist.

Trotzdem hätte es in Frieden weiter gehen können. Sicher, der SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier hat schon am Abend nach Merkels Friedensangebot erst gefordert, dass man ohne Vorbedingungen reden müsse und dann eine Vorbedingung gestellt: Aus dem Kabinett dürfe der Kandidat nicht kommen. Das klang stürmisch, war aber wohlfeil. Kabinettsmitglieder standen nie auf der Liste, über die Merkel schon am Freitagabend mit Rösler und CSU-Chef Horst Seehofer redete. Alles war also immer noch auf dem besten Weg.

Denn Andreas Voßkuhle, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, wäre Wunschkandidat der Koalitionäre gewesen. Wieder so ein Angebot, das die Opposition kaum hätte ablehnen können: Den Top-Juristen hat die SPD nach Karlsruhe geschickt, ein kluger Mann, gewandter Redner und mit 48 Jahren sogar noch jünger als der Vorgänger. Merkel hat angefragt, nachdem der zweite denkbare Konsenskandidat, Bundestagspräsident Norbert Lammert, erwartungsgemäß abgewinkt hatte. Voßkuhle bat um kurze Bedenkzeit. Dann sagte er ab.

Die Absage sollte sich als Sprengsatz erweisen. Drei Namen lagen da noch im koalitionären Korb, alle drei eher Ausdruck von Ratlosigkeit: Klaus Töpfer, der ehemalige CDU-Umweltminister. Wolfgang Huber, der frühere Bischof und Chef der Evangelischen Kirche in Deutschland. Und der Mann, den SPD und Grüne vor zwei Jahren gegen Wulff ins Rennen geschickt hatten: Joachim Gauck. Die ersten beiden fand die FDP nicht gut, besonders Töpfer nicht, diese Verkörperung eines schwarzen Grünen. Rösler hat ihn zu Dreikönig als „konservativen Weltverbesserer“ beschimpft, Töpfer hat sich revanchiert, als er den Wirtschaftsminister ein „Hindernis“ für die Energiewende nannte.

Aber auch Huber passt den Liberalen nicht – ein Bischof als Staatschef! Noch viel weniger passt der Kirchenmann den Grünen. Sie haben ihm nicht vergessen, dass er gegen den EU-Beitritt der Türkei ist, dafür aber freundlich zu den Evangelikalen. Ohnehin haben sie bei der Öko-Partei den Verdacht, dass Huber ursprünglich eine Idee der SPD war. Warum sonst hätte SPD-Chef Sigmar Gabriel am Samstag in der gemeinsamen Pressekonferenz mit der Grünen-Spitze urplötzlich verlangt, ins Schloss Bellevue solle möglichst auch „kein aktiver Politiker“ einziehen? „Mit uns war das nicht abgesprochen“, sagt ein Grünen-Mann.

Doch das sind kleine Raufereien im Oppositionslager, am Ende harmlos. So wie auf der anderen Seite viele nur gefeixt haben, als im CSU-Präsidium dem Verkehrsminister Peter Ramsauer verlegenheitshalber noch die Frankfurter CDU-Oberbürgermeisterin Petra Roth einfiel. Am Sonntag vergeht ihnen das Lachen.

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