Politik : Nachgedunkelt

Philipp Gessler beschreibt den Theologen Wolfgang Huber als klug und kühl.

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An einem Junitag 2006 lud Wolfgang Huber eine kleine Schar Journalisten an den Berliner Gendarmenmarkt ein. Der Berliner Bischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland saß damals in jeder zweiten Talkshow, mischte sich in gesellschaftspolitische Debatte ein, und sollte seine eigene evangelische Kirche dran sein. Er legte den Journalisten ein Papier vor, das es in sich hatte. Schonungslos hielt er der Kirche vor, wie selbstgefällig und mutlos sie geworden sei und machte radikale Vorschläge. Er stieß damit das größte Reformprojekt an, das der Protestantismus in Deutschland in Jahrzehnten in Angriff genommen hat.

Im August wird Wolfgang Huber, der keinen Konflikt scheut, nie locker lässt und manchmal so getrieben wirkte, 70 Jahre alt. Der Historiker und Journalist Philipp Gessler hat eine erste Bestandsaufnahme dieses Lebens vorgelegt. Gessler berichtet für die „Tageszeitung“ seit Jahren über die Kirchen und kennt Huber gut. Jetzt hat er ihn noch einmal für ein langes Gespräch getroffen, mit über 30 Weggefährten gesprochen und beeindruckend viele Informationen zusammengetragen. Er zeichnet ihn als herausragenden, politisch denkenden Theologen und Intellektuellen, der seinen Zeitgenossen „immer schon zehn Jahre voraus war“. Huber habe „Definitionsmacht“, drückt es ein Freund aus.

Der „Super-Huber“, der Politiker, Wissenschaftler, Künstler oder Spitzenmanager scheinbar mühelos für sich einzunehmen vermag, stehe sich aber auch bisweilen selbst im Weg, urteilt ein früherer Mitarbeiter. Huber müsse aus Gesprächen stets „als Sieger rausgehen“ und verderbe dadurch manches geglückte Gespräch am Ende. Gessler sucht auch nach Erklärungen für die „Kühle“, die Huber oft auf Menschen ausstrahlt. „Er ist nicht gesprächsorientiert, sondern lösungsorientiert im Gespräch“, zitiert Gessler Hubers Referent.

Aufschlussreich ist das Kapitel über den familiären Hintergrund. Wolfgang ist der jüngste von fünf Söhnen. Vater Ernst Rudolf Huber war einer von Hitlers führenden Juristen und versuchte, dem Unrechtsstaat eine rechtsstaatliche Verfassung zu geben. Wie der Vater seinen Irrtum allmählich einsieht und sich vom NS-System distanziert und wie der Sohn mit der Schuld des geliebten Vaters umgeht, wird ausführlich geschildert. Dabei kommt auch die Vernetzung der Familie Huber mit den Weizsäckers und anderen führenden protestantischen Familien der damaligen Zeit zutage. Bei den Hubers wurde viel Wert auf Bildung und Leistung gelegt, man ahnt woher der Ehrgeiz der späteren Generation kommt, die Arbeitsdisziplin und Selbstsicherheit. Zu kurz kamen die Emotionen. „Ob sie sich eigentlich dafür interessiere, wie es ihren Söhnen persönlich, in ihrem Innersten, gehe“, fragt der 50-jährige Wolfgang seine Mutter. Nein, habe sie geantwortet, das fände sie indiskret.

Dietrich Bonhoeffer, der widerständige Theologe, den die Nazis im April 1945 hinrichteten, wird zu Hubers Vorbild – und vielleicht zu einer Art Ersatzvater für den schuldig gewordenen Vater, mutmaßt Gessler. Bonhoeffers Orientierung an der Bergpredigt, seine radikale Hinwendung zur Welt und zu den Schwachen, prägt Huber bis heute. Auf diesen Wurzeln hat er seine Friedens- und Sozialethik entworfen – als sich nur wenige vorstellen konnten, was Sozialhilfe mit Theologie zu tun hat.

Gessler stellt Huber auch als SPDler vor, der im Ortsverein Heidelberg-Ziegelhausen Plakate klebt. Huber personifiziere „die Kraft, die aus geistiger Arbeit entstehen kann“, sagte der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel bei der Vorstellung der Biografie. Er hätte sich Huber gut als Bundespräsidenten vorstellen können. Er sei es nicht geworden, meinte Gabriel, weil ihn viele für einen „evangelikalen Rechtsprotestanten“ halten. Huber, an dem lange das Etikett „Linksprotestant“ klebte, sei zwar „nachgedunkelt“, schreibt Gessler, aber dass er zu einem „Rechtsprotestanten“ geworden sei, gar zu einem evangelikalen, dafür gibt es in der Biografie keinen Beleg.

Der Autor hält sich mit eigenen Bewertungen leider zurück und zitiert wieder und wieder die Zeitgenossen. Auch bleibt ein Geheimnis, woran dieser smarte Kirchenmann glaubt. Wann ist er Gott nahe? Zweifelt er? Aber vielleicht gibt es da gar nichts zu entdecken. „Es ist nicht so eine tiefe, innerliche, weiche Frömmigkeit“, mutmaßt eine Wegbegleiterin, „es ist eine mit einem starken Leistungsgedanken versehene Art von Frömmigkeit“.







– Philipp Gessler:
Wolfgang Huber. Ein Leben für Protestantismus und Politik. Kreuz Verlag, Freiburg 2012. 279 Seiten, 19,99 Euro.

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