Nachkommen der Widerständler : Was bleibt vom 20. Juli 1944, vom Attentat auf Hitler?

Das Attentat auf Adolf Hitler sollte die Nazi-Diktatur und den Zweiten Weltkrieg beenden. Der Umsturzversuch vor 70 Jahren scheiterte – doch die Verschwörer setzten ein Zeichen. Ein Gespräch mit zwei Nachkommen der Widerstandskämpfer über ein schwieriges Erbe.

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Tobias korenke und Alfred von Hofacker (rechts) sind zwei Nachkommen von Widerstandskämpfern.
Tobias korenke und Alfred von Hofacker (rechts) sind zwei Nachkommen von Widerstandskämpfern.Foto: Mike Wolff

Herr von Hofacker, Ihr Vater Cäsar von Hofacker hat als Verschwörer gegen Hitler die Familie verlassen und sein Leben geopfert. Ihre Mutter kam in Sippenhaft, Sie selbst haben monatelang in einem Kinderheim bei Bad Sachsa verbracht. Haben Sie Ihrem Vater verziehen?

Von Hofacker: Ja – nachdem ich ihn und sein Handeln zunächst sehr kritisch hinterfragt hatte. Als ich sein Alter erreichte, mein Vater war beim Attentat 48 Jahre alt, habe ich mir immer wieder die Frage gestellt: Hätte ich auch so gehandelt? Und die Antwort war ein klares Nein. Zumal mein Vater bei der Vernehmung durch die Gestapo mit Heinrich Heine zu Protokoll gegeben hatte: „Was schert mich Weib, was schert mich Kind, jetzt geht es um mein Vaterland.“

Harte Worte für einen Familienvater.
Von Hofacker: Ja, das war ein Schock und hat mich lange beschäftigt. Aber letztendlich habe ich mich mit ihm versöhnt und ihn in all seiner Widersprüchlichkeit akzeptiert.

Können Sie sich noch an die Tage um den 20. Juli 1944 erinnern?
Von Hofacker: Oh ja! Sehr genau sogar. Wir wohnten damals in Oberbayern. Dorthin hatte uns mein Vater gebracht. Wir saßen am Abendbrottisch und hörten mithilfe des Volksempfängers den Wehrmachtsbericht. Dann gab es die Sondermeldung, auf Hitler sei ein Attentat verübt worden, das aber scheiterte. Wir waren wie vom Blitz getroffen, hatten ja keine Ahnung, dass der Vater in den Anschlag verwickelt war. Aber meine Mutter verschwand sofort in den Garten.

Warum?
Von Hofacker: Sie machte ein Feuer, an einem strahlenden Sommertag! Erst nach dem Krieg habe ich meine Mutter gefragt, was sie damals verbrannt hat. Es waren Briefe meines Vaters, die vernichtet werden sollten, falls das Attentat scheitert. Einige hat sie allerdings vergraben, die wir später dann lesen konnten.

Hitlers Wolfsschanze heute
Heute kommen jährlich rund 200.000 Besucher und besichtigen die Wolfsschanze, die im Gebiet der Masurischen Seenplatte in Polen liegt.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Alle Fotos: Jessika Thurn/Jörg Leopold
20.07.2014 12:35Heute kommen jährlich rund 200.000 Besucher und besichtigen die Wolfsschanze, die im Gebiet der Masurischen Seenplatte in Polen...

Aber das Verbrennen der Briefe hat Ihre Familie nicht schützen können.
Von Hofacker: Das stimmt. Zunächst gingen wir zwar zur Tagesordnung über, aber dann fuhr ein paar Tage nach dem 20. Juli ein Auto mit Gestapoleuten und einer Frau in Schwesternkleidung vor. Die sagten meiner Mutter, sie solle für die älteren Kinder und sich Sachen packen. Das Gleiche wiederholte sich kurze Zeit später, dann wurden wir Jüngeren abgeholt und mit einigen Zwischenstationen in ein Kinderheim bei Bad Sachsa gebracht.

Haben diese Ereignisse das Zusammengehörigkeitsgefühl der Familie gestärkt?
Von Hofacker: Das kann ich nicht sagen. Ich war damals gerade mal neun Jahre alt und verstand die Welt nicht mehr. Erst ein Jahr später erfuhren wir, warum die Familie getrennt worden war. Man sagte uns: Ihr könnt stolz auf eure Väter sein. Wir haben nur ungläubig den Kopf geschüttelt.

Was haben Sie in diesem Moment empfunden?
Von Hofacker: Ich glaube, dass hat mich nicht berührt. Mir war nur daran gelegen, nach Hause zu kommen und meine Mutter wiederzusehen. Mein Vater war als Offizier ja für uns ohnehin nur ein Urlaubsvater.

Die deutschen Militärs sind – wenn überhaupt – sehr spät zum Widerstand gestoßen. Dietrich Bonhoeffer zum Beispiel bekämpfte die Nazis schon relativ früh und entschieden. Gibt es einen Widerstand erster und zweiter Klasse?
Korenke: Nein. Das Besondere der Widerstandsgruppen des 20. Juli war ja, dass dort ganz unterschiedliche politische und gesellschaftliche Kräfte zusammenfanden. Konservative wie Sozialdemokraten und Sozialisten. Und solche, die man heute Kommunitarier nennen würde, Protestanten und Katholiken waren Teil der Verschwörung. Sie fanden zusammen, um für das Recht zu kämpfen, für Menschenwürde und letztendlich auch für ein besseres Deutschland.

Von Widerstand war nicht die Rede?
Korenke: Ich bin sicher, dass Leute wie mein Großvater Rüdiger Schleicher und die Bonhoeffers ihr Handeln nicht als Akt des Widerstands bezeichnet hätten. Anständiges Verhalten – so wäre wohl ihre Wortwahl gewesen.

Das klingt sehr bescheiden.
Korenke: Wir sollten uns beim 20. Juli mit so häufig genutzten pathetischen Begriffen wie „Aufstand des Gewissens“ zurückhalten. Je häufiger wir eine derartige Wortwahl nutzen, desto mehr halten wir uns diese Leute vom Leib, stellen sie unerreichbar auf einen hohen Sockel. Das waren aber Menschen, die nicht als Helden geboren wurden, die aber ab einem bestimmten Zeitpunkt wussten, dass sie etwas tun müssen. Gar nicht wenige von denen, die später Hitler und sein Regime bekämpften, sympathisierten anfangs mit dem Nationalsozialismus. Sie haben das als Irrtum begriffen und gehandelt – das ist entscheidend.

Von Hofacker: Auch ich habe eine tiefe Abneigung gegen den Begriff „Helden“. In meiner eigenen Familien gab es allerdings über die Einschätzung des Attentats heftige Debatten. Für meine Schwester ist der Vater bis heute ein Held. Doch er war – wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg – zunächst von Hitler begeistert. Erst im Laufe der Jahre ist er zur Erkenntnis gekommen, dass der Diktator gestürzt werden muss. Mein Vater hat sich mit Sicherheit nicht als Widerstandskämpfer gesehen oder gar als Held. Es ging ihm darum, sein Gewissen zu entlasten. Erst diese Widersprüche in der Biografie meines Vaters haben es mir möglich gemacht, ihn als Mensch zu akzeptieren.

Korenke: Das sehe ich ganz genauso. Nur wenn wir begreifen, dass das Individuen waren mit sehr menschlichen Widersprüchen, kommen sie uns näher. Nur wenn man sie als Familienväter, Ehemänner und Freunde sieht, kann man auch begreifen, was es bedeutet, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzten. Und dann heroisiert man eben nicht, sondern begreift die Männer des Widerstands als Mitmenschen, für die es mehr gab als Anpassen, Mitmachen und die Rettung der eigenen Haut. Es gibt allerdings in Deutschland eine Tendenz, jene Menschen, die gegen den Strom schwammen und Zivilcourage zeigten, emotional nicht an sich heranzulassen.

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