Nachruf auf Walter Scheel : Heiterer Redner der Republik

Walter Scheel setzte als Bundespräsident von 1974 bis 1979 Fragezeichen, Gegengewichte und Zeichen der Nachdenklichkeit. Jetzt ist er mit 97 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

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Walter Scheel ist tot. Der frühere Bundespräsident wurde 97 Jahre alt.
Walter Scheel ist tot. Der frühere Bundespräsident wurde 97 Jahre alt.Foto: Hannibal/dpa

Mag ja sein, dass vielen bei ihm nur noch das Lied „Hoch auf dem gelben Wagen“ einfällt, das er so erfolgreich öffentlich gesungen hat. Das wäre übrigens auch nicht die schlechteste Gedankenverbindung zu Walter Scheel, der das rare Beispiel gegeben hat, wie man Politik als unbeirrbar fröhlicher Mensch betreiben kann.

Aber es wäre gut für die Bundesrepublik, wenn sie sich auch daran erinnerte, dass es nicht die ganze Wahrheit über den Mann ist, der an diesem Mittwoch gestorben ist. Denn in einer wichtigen Phase der Bundesrepublik ist Scheel eine bedeutende politische Erscheinung gewesen.

Für die Jahrzehnte zwischen den fünfziger und den frühen achtziger Jahren, in denen die Bundesrepublik nach schwierigem Aufstieg eine erste Erfolgsgeschichte erlebte, spielte Walter Scheel eine wichtige und wirkungsvolle Rolle. Er war der Vertreter einer neuen Generation – geprägt  noch von den Erfahrungen und Herausforderungen der Gründungsära – und  wurde einer ihrer Repräsentanten in einer Zeit, in der sie eine neue, modernere Gestalt gewann. Nicht zuletzt daraus haben die Historiker Arnulf Baring und Daniel Koerfer den Schluss gezogen, kaum jemand „verkörperte so wie Walter Scheel die Erfolgsgeschichte dieser Bundesrepublik“.

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Früherer Bundespräsident Walter Scheel gestorben
Früherer Bundespräsident Walter Scheel gestorben

Wie ein Held der frühen westdeutschen Nachkriegszeit

Man muss sich vergegenwärtigen, dass Scheel nicht nur der vierte, von 1974 bis 1979 amtierende Bundespräsident war. Als Politiker reicht er zurück in das Grau der frühen Nachkriegsjahre. In der Biografie dieses Mannes, der bis ins hohe Alter immer aktiv und interessiert blieb, begegnet uns nochmals die Kriegsgeneration. Scheel gehörte zu denen, die blutjung noch voll in die Knochenmühle des zweiten Weltkriegs gerieten – in seinem Fall bei der Luftwaffe –, um dann energisch die Chance des Neuanfangs zu nutzen.

Er könnte gut einen Helden dieser frühen westdeutschen Nachkriegszeit abgeben: Aufstieg aus eigener Kraft – der Vater war Handwerker, gelernter Stellmacher –, zuerst im mittelständischen Milieu seiner Heimatstadt Solingen, dann als Geschäftsmann in Düsseldorf, dem ersten Zentrum der westdeutschen Wirtschaftsblüte.

Dem bürgerlichen Aufstieg entspricht der politische, ja, sie durchdringen sich: Zunächst Stadtrat im heimischen Solingen, dann mit 30 Jahren Landtagsabgeordneter, drei Jahre später Bundestagsmitglied. Und wenig später spielt er schon eine führende Rolle bei der legendär gewordenen ersten Kraftprobe des jungen Parteiensystem: Scheel gehörte zu den sogenannten „Jungtürken“, die 1956 die nordrhein-westfälischen CDU-FDP Koalition sprengten und eine erste sozial-liberale Koalition bildeten.

Die Folgen reichten über Düsseldorf hinaus: In Bonn spaltete sich die FDP-Fraktion und die Partei schied aus der Regierung Adenauer aus – für die noch vom Bürgerblock-Denken beherrschte Politik eine nachgerade revoluzzerhafte Operation. Grollend belegte der Mitliberale und Bundespräsident Theodor Heuss seine aufsässigen jungen Parteifreunde mit dem vernichtenden Wort Nazi-FDP.

Als "Junker Leichtfuß" ins Kabinett Adenauer

Tatsächlich muss der junge Walter Scheel in der noch stark honoratiorenhaften FDP ein ungewohntes Bild abgegeben haben – einen „Junker Leichtfuß“ nannte ihn streng Reinhold Maier, der württembergische Altliberale. Ohne viele Skrupel schwamm er mit im Strom des westdeutschen Wirtschaftswunders, gab etwas auf Schick und mied nicht die Schickeria. Immer lieber das teurere Auto, Neigung eher zum Golfplatz als zur Fußballtribüne und das Ganze ohne schlechtes Gewissen. Dass er seinen wirtschaftlichen Erfolg auf dem Felde von Beratung und Marktforschung suchte, also in einer vergleichsweise jungen Branche, passt ebenso zu dieser Seite seiner Person wie später der viel bespöttelte Umstand, dass der Bundespräsident im Ruhestand auch den Vorsitz des Direktoriums für Vollblutzucht und Rennen übernahm.

Aber dieser Politiker wurde 1961 der erste Minister für Entwicklungshilfe, also eines neuen und spröden Ressorts – übrigens noch als jüngstes Kabinettmitglied, in der Regierung Adenauer. Er blieb es sechs Jahre lang, bis zum Beginn der großen CDU-SPD-Koalition 1966.

Am Ende der sechziger Jahre steuerte er die wagemutige Kurve, mit der die FDP die bestehenden Koalitionsfronten durchbrach und durch die Bildung der sozial-liberalen Koalition die politische Landschaft tiefschürfend veränderte. Das war ein historisches, vor allem aber auch ein halsbrecherisches Manöver, das die FDP bei der Bundestagswahl 1969 fast unter die Überlebensgrenze drückte – bei 5,8 Prozent endete der Fall der Partei.

Die erste sozialliberale Koalition war die Ära Brandt-Scheel

Auch die Ost- und Deutschlandpolitik, die große politische Wendung, mit der die Bundesrepublik gleichsam den zweiten Schritt ihres politischen Erwachsenen-Werdens einleitete, hat Scheel wesentlich mitgeprägt. Er hat dieser politischen Kehre als Parteivorsitzender in der Opposition vorgearbeitet und als Außenminister bei den Moskauer Verhandlungen 1970 in der Schlussphase selbst vertreten.

Mit ihm verbindet sich der „Brief zur deutschen Einheit“, der die Tür zur Überwindung der deutschen Zweistaatlichkeit offen hielt. Überhaupt hätte es das sozial-liberale Kapitel der Nachkriegsgeschichte, das dem Weg der Bundesrepublik wichtige Impulse gegeben hat, ohne ihn und seine Führung der FDP nicht gegeben. Seine Rede zur Verteidigung dieser Politik in der Debatte um das Misstrauensvotum 1972, einem der dramatischen Momente in der politischen Nachkriegsgeschichte, gehört zu den großen Reden dieser Republik. Zu Recht sind diese Jahre deshalb als Ära Brandt-Scheel in die Geschichtsbücher eingegangen.

Und der Präsident? Dem Nachfolger des kantigen Heinemanns ist nicht leicht gerecht zu werden. Er war wohl kein Präsident vom Format von Heuss oder Weizsäcker. Aber die Verbindlichkeit, mit der er das Amt ausfüllte, täuscht über die Furchen hinweg, die er damals in der deutschen Gesellschaft gezogen hat.

Mit einer Zielstrebigkeit, die ihm kaum einer zugetraut hatte, nutzte er vor allem die Reden, mit denen der Bundespräsident in erster Linie wirkt und wirken kann, um auf Krisenpunkte und Problemzonen der Republik aufmerksam zu machen. In den siebziger Jahren, in denen die Anstöße der sechziger Jahre ausliefen, die Zukunftssicherheit verloren ging und der Terrorismus zur hässlichen Nachgeburt der 68er-Rebellion wurde, setzte er Fragezeichen, Gegengewichte und Zeichen der Nachdenklichkeit.

Noch vor Weizsäcker wies er auf die Befreiung hin

Dieser Bundespräsident, der doch eher im Ruf des Pragmatikers stand, nahm die Veränderung des öffentlichen Klimas wahr. Er registrierte ein „Sinken der seelischen Temperatur“ und erkannte in diesem rational kaum erklärbaren Stimmungsabfall das „politische Problem unserer Zeit“. Er lenkte den Blick auf die Beschleunigung des gesellschaftlichen und zivilisatorischen Wandels und beantwortete ihn mit der Forderung nach einer politisch-gesellschaftlichen Neubesinnung.

Doch im Unterschied zu der seit den 6oer Jahren zum Dauergeräusch werdenden fundamentalen Kritik an der Bundesrepublik, die sich gerne in Reden zur Verteidigung der Republik ausdrückte, die sie in Wahrheit in Frage stellten, hielt er wahrhaft Reden zur Verteidigung der Republik – nicht irgendeiner, sondern dieser Bundesrepublik, nicht ihrer Papierform, sondern ihrer Wirklichkeit.

Man sollte sich erinnern, dass Scheel bereits zehn Jahre vor Weizsäckers Rede zum 8. Mai 1985, die den Befreiungscharakter dieses Tages zur Staatsraison der Republik machte, einen vergleichbaren Ton anschlug. Bei ihm hieß es, formuliert zur dreißigsten Wiederkehr dieses Tages: „Wir wurden von einem furchtbaren Joch befreit, von Krieg, Knechtschaft und Barbarei. Und atmeten auf, als das Ende kam.“

In der 17.-Juni-Rede, die er wie jeder Bundespräsident damals zu halten hatte, übersetzte er die immer ungewisser und deshalb formelhafter werdende Forderung nach der deutschen Einheit in ein europäisches Friedensziel. Nicht ohne ironisch-hintersinnig die Frage aufzuwerfen, ob man bei der Feier wegen der Jahreszeit denn einen hellen Anzug tragen dürfe. Selbst die Freiheit, das große Thema des gegenwärtigen Bundespräsidenten, hat er bereits intoniert, indem er studentische Zuhörer beschwor: „Sprechen sie nicht verächtlich von der Freiheit. Sie ist unsere einzige Chance.“

Von rheinischer Fröhlichkeit - und bergischer Dickfälligkeit

Es nimmt Scheels Amtsführung nichts von ihrer Bedeutung, dass er sich bei seinen Reden und sonstigen Aktivitäten – etwa einer von ihm ins Leben gerufenen Gesprächsrunde über Zukunftsfragen der industriellen Gesellschaft – auf vorzügliche Zuarbeiter stützte. Er selbst hatte sie ausgewählt – in Scheels Terminologie die „Gruppe Geist und Wort“ – und damit sich und ihnen die Chance gegeben, das Amt für die Jahre seiner Amtszeit zu einer weithin wirkenden Instanz zu machen. An Scheel kann man lernen, dass die Leistung eines Präsidenten auch darin besteht, wie er sein Amt aufstellt, welche Anregungen er aufgreift und was für Intentionen er seine Stimme gibt.

„Heiterkeit und Härte“ lautete der Titel einer Festschrift zu Walter Scheels  65. Geburtstag. Er trifft ziemlich genau die Mischung, die die Stärke dieses Politikers ausmachte, der, wie sein Parteifreund Hans-Dietrich Genscher gesagt hat, nie mit dem Kopf durch die Wand ging, sondern „lieber die Tapetentür“ suchte, sie meistens auch fand – und zugleich unbeirrbar und entschlossen war, wenn es ihm richtig und notwendig erschien. Rainer Barzel fügte zu diesem Charakterbild den Hinweis auf Scheels landsmannschaftliche Herkunft hinzu: Er zeigte „rheinische Fröhlichkeit vorn“, hinten dagegen „bergische Dickfälligkeit“.

Die alte Bundesrepublik liegt, von heute aus gesehen, halb vergessen hinter Wende und Wiedervereinigung. Walter Scheel war durchaus eine Gestalt dieser, seiner Zeit, aber er hat ihre produktiven Seiten politisch genützt und erweitert, gerade als Präsident. Zusammen mit seiner Frau Mildred, einer Röntgenärztin, einer herben Persönlichkeit von ganz eigenem Gewicht, gab er dem Amt ein besonderes Gepräge – und verzichtete ohne Klage auf eine Kandidatur, nachdem für eine Wiederwahl 1979 keine Mehrheit erreichbar schien.

Nach dem Umzug von Regierung und Parlament übersiedelte er nach Berlin – ein passionierter Neu-Berliner, der rege am beginnenden politischen und gesellschaftlichen Leben teilnahm. Er wolle doch dabei sein, gestand er unverblümt, wenn diese Stadt versucht, „das zu werden, was sie einmal war“. Am 24. August ist Walter Scheel im Alter von 97 Jahren gestorben.

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