Nachruf auf Walther Stützle : Meinungsstark und konfliktbereit

Zum Tode von Professor Walther Stützle, dem ehemaligen Staatssekretär im Verteidigungsministerium und Tagesspiegel-Chefredakteur.

Hermann Rudolph
Walther Stützle ist am Montag überraschend gestorben.
Walther Stützle ist am Montag überraschend gestorben.Foto: imago stock&people

Er war ein Mann von scharfem Profil, ein wortmächtiger Autor und ein streitbares Temperament. Walther Stützle, der am Montag überraschend gestorben ist, gehörte zum kleinen Kreis der Außen- und Sicherheitspolitiker von Format, bis er schließlich seine Laufbahn als Staatssekretär im Verteidigungsministerium krönte und für vier Jahre in den engen Kreis der politischen Entscheidungsträger der Bundesrepublik aufstieg. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) würdigte Stützle als „international renommierten, kenntnisreichen und klugen Kenner der Weltpolitik und der Zusammenhänge in der globalisierten Welt“, dessen „Stimme uns allen fehlen“ werde.

Für den Tagesspiegel war er sieben wichtige Jahre lang die Stimme der Außenpolitik. Von 1991 bis 1998, also in den Jahren, in denen das Blatt sich nach Maueröffnung und Wiedervereinigung neu aufstellte, prägte er das Gesicht dieser Zeitung mit, erst als stellvertretender Chefredakteur, dann als Mitglied einer dreiköpfigen Chefredaktion. Dass das Blatt sich in diesen schwierigen Jahren behauptete und zu seinem heutigen Rang einer Hauptstadtzeitung heranwuchs, ist auch sein Verdienst.

Stützle brachte viel mit, als er 1991 zu der sich neu formierenden Mannschaft des Tagesspiegels stieß. Mehr als zehn Jahre hatte der studierte Politologe und Seeoffizier der Reserve im Verteidigungsministerium gearbeitet, anfangs als einer der jungen, akademisch gebildeten Männer, die Helmut Schmidt nach Bildung der sozialliberalen Koalition ins Haus holte, dann als persönlicher Referent und Bürochef in nächster Nähe von Georg Leber, dem Gewerkschafter, der in den siebziger Jahren Verteidigungsminister wurde und dessen Vertrauen Stützle gewann. Drei Jahre, von 1983 bis 1986, war er danach Außenpolitiker der „Stuttgarter Zeitung“. Dann avancierte er zum Direktor von Sipri, dem Stockholmer Institut für Friedensforschung, einer hoch renommierten Instanz in der internationalen Debatte um Sicherheits- und Abrüstungspolitik.

Bequem war Walther Stützle nie, sondern durchaus fordernd

Im Tagesspiegel erwarb er sich seinen Ruf mit der ihm eigenen Mischung von Kenntnisreichtum und Leidenschaft des Urteils. Wo immer es um Grundlagen der Politik ging, um Außen- und Bündnispolitik, um die Nato, schlug er als Kommentator eine scharfe Klinge, souverän in der Analyse, klar im Urteil, entschieden im Ton. Da war er ganz der politische Kopf, der seine journalistische Tätigkeit als Wahrnehmung von öffentlicher Verantwortung verstand – geleitet von seiner festen Überzeugung, dass eine Zeitung mitzuwirken habe an dem Wesen und Wirken eines aufgeklärten, seiner Prinzipien bewussten Gemeinwesens.

Bequem war Stützle nie, sondern durchaus fordernd, sei es bei Diskussionen in der Redaktion, sei es im Umgang miteinander. Rest-68er- Ansichten stießen auf seinen energischen Widerstand, und die Überzeugungen, die er aus der Welt der Marine und des Ministeriums mitgebracht hatte, wurden gelegentlich auf eine harte Probe gestellt. Dabei konnte er durchaus einen spröden Charme entfalten. Trotz des schwäbischen Familiennamens, den er trug, wirkte er norddeutsch, geprägt von Kindheit und Jugend, die er auf der Insel Sylt verbracht hatte, wo er 1941 geboren wurde. Zugleich verfügte er, der Katholik, der seine Religion ernst nahm, über einen ausgesprochen sozialen Sinn.

Die Berufung zum Staatssekretär nach Bildung der rot-grünen Koalition 1998 durch den damaligen Verteidigungsminister Rudolf Scharping katapultierte ihn in ein schwieriges Arbeitsfeld. Stützle fand eine Reihe kostspieliger und umstrittener Rüstungsbeschaffung-Projekte vor, die erhebliche Probleme bereiteten. Interne Konkurrenzkämpfe, wohl unvermeidlich in der dünnen Luft der Spitze eines Ministeriums, erweckten den Eindruck einer zunehmend glücklosen Amtsführung. Mit der Übernahme des Verteidigungsministerium durch den neuen Minister Peter Struck schied Stützle 2002 aus dem Amt.

Seither tummelte er sich wieder im publizistischen und lehrenden Feld, war Fellow der Stiftung Wissenschaft und Politik, dozierte an der Universität Potsdam, wendete sich wieder dem Analysieren und Urteilen über die großen Kräfte der Weltpolitik zu, das lebenslang seine Leidenschaft gewesen war. Und er blieb meinungsstark und konfliktbereit – zuletzt 2014 mit seiner Parteinahme für eine „neue Entspannungspolitik in Europa“. Der Appell unter dem Titel: „Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen“, mit dem mehr als 60 Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien vor der Zuspitzung des Verhältnisses zu Russland warnten, entsprach ganz seiner Überzeugung: Außenpolitik, die analysiert und urteilt, aber wenn es sein muss das humane Pathos nicht scheut.

1 Kommentar

Neuester Kommentar