Nachruf : Margaret Thatcher: Die eiserne Lady des Empires

Margaret Thatcher war die Krankenschwester der Nation. Sie verabreichte ihren Landsleuten eine bittere, aber notwendige Medizin. Ihr Denken und Wirken prägt Großbritannien bis heute. Jetzt starb sie mit 87 Jahren.

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Ohne Alternative. Margaret Thatcher gehörte zu den politischen Giganten des 20. Jahrhunderts.Weitere Bilder anzeigen
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08.04.2013 16:15Ohne Alternative. Margaret Thatcher gehörte zu den politischen Giganten des 20. Jahrhunderts.

Es war ein furchtbarer Moment für sie, aus dem Amt zu scheiden. Dabei war sie immer mehr als nur Machtmensch gewesen. Auch Hausfrau, Mutter, Ehefrau. Aber als Margaret Thatcher am 28. November 1990 in einer schwarzen Limousine den Amtssitz der britischen Premierminister in London, diese mythische Adresse Downing Street No. 10, verließ und ein Fotograf nach ihr rief, „Prime Minister!“, was sie da schon nicht mehr war, da blickte sie sich um, es war ein Reflex, den elf Jahre an der Regierung ihr eingepflanzt hatten, und man konnte sehen, wie viel Kraft sie dieser Abschied kostete. Der eiserne Panzer war geschmolzen. Tränen flossen und verwischten die Wimperntusche.

Margaret Thatcher gehörte zu den politischen Giganten des 20. Jahrhunderts, aber im Gedächtnis bleiben Bilder der Niederlagen, des Abschieds und Verfalls. Man erkannte nun, was ihr die Macht, die sie zweieinhalb Wahlperioden lang inne gehabt hatte, abverlangt haben musste.

Von Demenz und den Folgen mehrerer Schlaganfälle gezeichnet, sah man sie in den vergangenen Jahren kaum noch in der Öffentlichkeit. Gelegentlich trat sie als gepuderte alte Dame in Erscheinung, unsicher auf den Beinen. Der Tod ihres Mannes Denis Thatcher nach 50 gemeinsamen Ehejahren schien sie weiter von der Welt zu isolieren. Der Film „Eiserne Lady“ mit Meryl Streep in der Hauptrolle versuchte, den Menschen hinter dieser erstarrten Fassade wieder zu entdecken.

Zum Tod von Margaret Thatcher
Trauer in London: Vor dem Haus der ehemaligen Premierministerin Thatcher legt ein Mann Blumen nieder.Weitere Bilder anzeigen
1 von 23Foto: AFP
08.04.2013 14:08Trauer in London: Vor dem Haus der ehemaligen Premierministerin Thatcher legt ein Mann Blumen nieder.

Aber in dem Maße, in dem sie als lebende Person von Vergänglichkeit und Ferne gezeichnet war, wuchs ihr historisches Ansehen. Nicht nur, dass sie den Briten das Gefühl vermittelt hatte, ein im Grunde konservatives Land zu sein. Sie hatte dem politischen Gegner von der Labour-Partei in der Person Tony Blairs auch ihren eigenen Pragmatismus aufgezwungen. Als Großbritannien 2008 nach 13 Labour-Jahren durch die Bankenkrise in eine schwere Schuldenkrise rutschte, wurden ihre Grundüberzeugungen, besonders ihr Gespür für die Grenzen des Staates, mit neuer Intensität diskutiert.

Die Debatte, ob ihre Reformen in den 80er Jahren Großbritannien vor dem Ruin gerettet oder vielmehr die industrielle Basis des Landes und mit ihr der soziale Zusammenhalt zerstört haben, wird heute so scharf geführt wie vor zehn Jahren. Nur dass Thatcher selbst, die Erfinderin von „Power Dressing“, die also als erster britischer Politiker einen Imageberater hatte und in Kommunikationsfragen nie etwas dem Zufall überließ, schon lange nicht mehr eingreifen konnte. 1990 war sie von ihrer eigenen Partei durch einen Putsch entmachtet worden. Wie ein Schulmädchen biss sie sich auf die Lippen, um Haltung zu wahren. In diesem Bild der zerfließenden „Eisernen Lady“ war der Mythos vom Meuchelmord an Thatcher angelegt, der die Konservativen in jahrelange Streitigkeiten und Komplexe stürzen sollte – und der ihr selbst ein frustrierendes Schattendasein bescherte.

Nun ist Margaret Thatcher nach einem weiteren Schlaganfall im Alter von 87 Jahren gestorben.

Sie ist dann doch noch einmal zurückgekehrt nach Downing Street No. 10. Es ist ein paar Jahre her. Im roten Kleid, Blumen in der Hand, die Haare wie immer in akkurate Wellen drapiert, stand Margaret Thatcher vor der schwarz lackierten Tür. Sie genoss den überraschenden Auftritt und winkte den Reportern zu. Neben ihr damals Gordon Brown, breit grinsend, voller Stolz auf den Coup. Er selbst war kurz zuvor erst vom Schatzkanzler zum Regierungschef befördert worden und galt mit seiner brummigen Art als der Typ Wohlfahrtspolitiker, den Thatcher unmöglich gemacht hatte. Jetzt holte sich der Labourmann die höheren Weihen von der Heldin der Konservativen Partei.

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