• Nachts kommen die Soldaten und töten - die Streitkräfte sind an den Gewalttaten beteiligt

Politik : Nachts kommen die Soldaten und töten - die Streitkräfte sind an den Gewalttaten beteiligt

Das Haus von Bischof Belo liegt in Schutt und Asche. Mindestens 25 Menschen, die in die Residenz des Friedensnobelpreisträgers geflohen waren, sind tot. Journalisten dürfen ihr Hotel nicht verlassen. Diplomaten trauen sich nicht auf die Straße. Zahlreiche UN-Mitarbeiter haben die Insel bereits verlassen. In Ost-Timor herrscht der Ausnahmezustand.

Indonesische Soldaten und mit ihnen verbündete Milizionäre patrouillieren durch die Provinz, in der die Gewalt weiter eskaliert, seitdem die Einwohner vor über einer Woche mit großer Mehrheit für die Unabhängigkeit von Indonesien gestimmt haben. Gemäß dem am Dienstag verhängten Kriegsrecht darf das indonesische Militär ohne richterlichen Befehl Wohnungen durchsuchen und wegen der verhängten Ausgehsperre auf Menschen schießen, die sich nach Einbruch der Dunkelheit auf der Straße aufhalten.

Von diesem Recht machen die Truppen und Milizen regen Gebrauch. Sie feuern blind um sich und setzen die Häuser derer in Brand, die sich weigern, die Inselhälfte zu verlassen. Eine neuseeländische Augenzeugin berichtete: "Jede Nacht kommen sie. Sie schießen, feuern Granaten ab. Über Lautsprecher fordern sie die Menschen zum Verlassen auf." Beobachter sprechen von einer "politischen Säuberung" Ost-Timors.

Rüdiger Machetzki, wissenschaftlicher Referent am Hamburger Institut für Asienkunde, macht für den Ausbruch der Gewalt "demokratiefeindliche Kräfte" verantwortlich. Dahinter verbergen sich nach Ansicht des Experten für Südost-Asien Hardliner im Militär und der Clan von Ex-Präsident Suharto. Diese versuchten offenbar, Indonesien zu destabilisieren, um nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden. Ost-Timor als Konfliktherd biete sich an, das gesamte Land ins Chaos zu stürzen. Machetzki wies aber gegenüber dem Tagesspiegel darauf hin, dass man der zivilen Regierung unter Präsident Habibie den Willen nicht absprechen könne, Ost-Timor tatsächlich in die Unabhängigkeit zu entlassen. Zudem hält der Wissenschaftler derzeit ein Eingreifen der UN in der Krisenregion für ausgeschlossen.

Der australische Verteidigungsminister Moore sagte unterdessen im Rundfunk, es sei eine Friedenstruppe von mindestens 6000 Mann nötig, um das Blutvergießen in Ost-Timor zu beenden. UN-Generalsekretär Annan habe Australien gebeten, die Führungsrolle in einer derartigen Truppe zu übernehmen. Diplomaten erwarten für die kommenden Tage eine Entscheidung. Neben Australien sollten auch Großbritannien, Kanada, Malaysia und Neuseeland Soldaten entsenden, verlautete aus Diplomaten-Kreisen. Gemäß einem Bericht der "Washington Post" unter Berufung auf Vertreter der USA und der UN wollen die Vereinten Nationen mindestens 5000 Soldaten nach Ost-Timor entsenden. Die Pläne seien "fortgeschritten", aber die Zustimmung Indonesiens sei nötig. Fünf Gesandte des Sicherheitsrats sollten noch am Dienstagabend nach Jakarta reisen, um mit der indonesischen Regierung über ein Ende der Gewalt zu beraten. Der britische Außenminister Cook erklärte, die Welt müsse auf Ost-Timors Schrei nach Freiheit reagieren. Großbritannien dränge auf eine Intervention. US-Außenministerin Albright sagte, für Indonesien laufe die Zeit ab, die Lage zu beruhigen.



Ein UN-Sprecher teilte aus Dili mit, die UN seien darüber informiert worden, dass die indonesischen Behörden 200 000 bis 300 000 Menschen aus Ost-Timor vertreiben wollten. Dies sei offenbar eine Deportation, um das Unabhängigkeitsvotum der Bevölkerung zu unterlaufen. In Ost-Timor leben rund 800 000 Menschen. Auch der Leiter der UN-Mission für Ost-Timor, Martin, der sich am Dienstag weiterhin in Dili aufhielt, betonte, dass die Bevölkerung nicht fliehe, sondern gewaltsam fortgebracht werde. Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) hat unterdessen nach eigenen Angaben von der indonesischen Regierung die Erlaubnis erhalten, am Mittwoch ein Team an die Grenze zwischen West-Timor und Ost-Timor zu schicken, um sich vor Ort ein Bild von der Situation der Menschen zu machen, sagte Sprecher Janowski am Dienstag in Genf. Laut Janowski befinden sich noch drei UNHCR-Vertreter in Dili. Sie könnten jedoch wegen der Sicherheitslage das Grundstück nicht verlassen. Dort hätten mittlerweile mindestens 400 Menschen Schutz gesucht.

Das Militär und Milizen würden seit Sonntag unter Waffengewalt eine systematischen "Räumung" Dilis durchführen. Nach Informationen der Missionsnachrichtenagentur Misna wurden schon 60 000 Menschen in den verschiedenen Polizeiposten der Hauptstadt zusammengetrieben. "Wir rechnen hier mit dem Schlimmsten", sagt ein Priester der Motael-Kirche in Dili. "Niemand kann das Militär aufhalten. Niemand ist dafür stark genug. Von außen kommt keine Hilfe. Nichts und niemand kann die Gewalt stoppen."

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