Nachwuchs : Hohe Ausgaben, geringe Wirkung

Ökonomen fordern mehr Kinderbetreuung, um Familien besser zu fördern. Bisher haben Eltern hohe Verluste beim Einkommen.

Dagmar Dehmer

Berlin - Seit gut zwei Jahren versucht eine Gruppe von Ökonomen im Auftrag des Familienministeriums herauszufinden, wie die familienpolitischen Leistungen in Deutschland eigentlich wirken. Nun liegen erste Ergebnisse vor. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat im Auftrag dieses Kompetenzzentrums für familienbezogene Leistungen eine „Sozialbilanz Familie“ vorgelegt. Das Ergebnis: Deutschland gibt ziemlich viel Geld für Familien aus, aber aus ökonomischer Sicht nicht besonders effizient.

Die IW-Autoren haben errechnet, dass die direkten Kosten für Kinder in Deutschland rund 90 Milliarden Euro betragen. Dazu gehören als wichtigste Ausgabenposten Wohnung und Energie sowie Nahrungsmittel und Getränke. Das allein macht 45 Prozent der Summe aus, die Eltern für Kinder unter 18 Jahre ausgegeben haben. Von diesen direkten Kosten tragen die Eltern jedoch tatsächlich weniger als die Hälfte, weil der Staat diese ausgleicht: über das Kindergeld und steuerliche Freibeträge, über die Kinderzuschläge für Hartz-IV-Empfänger, über Unterhaltsvorschüsse. Zusätzlich stellt der Staat Familien Leistungen in einem Umfang von 79 Millionen Euro zur Verfügung, die sie kostenlos nutzen. Von der allgemeinbildenden Schule, über die beitragsfreie Mitversicherung von Familienmitgliedern in der Sozialversicherung bis zur Jugendhilfe. Alles in allem tragen Eltern ein Viertel der direkt anfallenden Kosten für Kinder.

Doch bei den indirekten Kosten sind die Eltern nach Ansicht des IW die großen Verlierer. Darunter haben die Ökonomen all das gefasst, worauf Eltern verzichten müssen, weil sie Kinder betreuen. Vor allem sind es aktuelle und künftige Einkommensverluste, weil ein Elternteil nicht oder nur in Teilzeit arbeiten kann, oder weil ein Elternteil durch eine Erwerbsunterbrechung ein schlechteres künftiges Einkommen in Kauf nehmen muss. Diese Kosten veranschlagt das IW auf 147 Milliarden Euro im Jahr. Dadurch entgingen dem Staat rund 13 Milliarden Euro Steuereinnahmen. Zudem investiere der Staat rund elf Milliarden Euro in Kinderbetreuungseinrichtungen, die zu den indirekten Kosten zählen. Die Einkommensverluste der Eltern werden durch verschiedene staatliche Leistungen teilweise kompensiert, etwa durch das Ehegattensplitting oder die Anrechnung von Versicherungszeiten für Kinderbetreuung in der Rentenversicherung. Bei 172 Milliarden Euro indirekter Gesamtkosten für Kinder tragen die Eltern rund 117 Milliarden Euro, und der Staat trägt 41 Milliarden Euro bei.

Insbesondere bei den staatlichen Ausgleichszahlungen für die indirekten Kosten der Eltern sieht das IW Reformbedarf. Anstatt einen Ausgleich für entgangene Einnahmen zu leisten, schlägt das IW vor, die Mittel lieber in die frühkindliche Bildung in Kindertagesstätten zu stecken. Denn wenn es gelänge, auch Kinder aus den untereren Schichten besser auszubilden, könnte dies das Risiko von Arbeitslosigkeit reduzieren. Außerdem werde so die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtert und bringe tausende junger Mütter in Arbeit. Beides bringe dem Staat so hohe Steuereinnahmen und Sozialabgaben, dass sich die Zusatzinvestitionen in Kitas, Ganztagesschulen und Familienzentren lohnen. Das IW hat eine staatliche Rendite von acht Prozent errechnet.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben