Politik : Nächste Runde im Kongo

Gefechte und Anspannung nach Auszählung / Stichwahl um die Präsidentschaft zwischen Kabila und Bemba

Judith Reker[Kinshasa]

Einen Tag nach schweren Unruhen während der Bekanntgabe der Präsidentschaftswahlergebnisse lagen am Montag in der Hauptstadt des Kongo noch immer die Zeugen der Nacht. Auf einer der menschenleeren Straßen im Stadtzentrum ein Stiefel. Um die Ecke liegt barfuß im Unterhemd der Tote dazu. Der Mann war in die ersten Schießereien der Nacht vor einem Fernsehsender des Vizepräsidenten Jean-Pierre Bemba geraten. Die Bilanz dieser Nacht: sieben Tote und ähnlich viele Verletzte.

„Wahrscheinlich wird man nie wissen, was hier genau geschah, und wer angefangen hat“, meint ein Sicherheitsanalyst. Fest steht nur, dass die ersten Schusswechsel vor Bembas Fernsehsender CC TV stattfanden, und dass beide Lager der Rivalen um das Präsidentschaftsamt, Bemba und Joseph Kabila, in die Kämpfe verwickelt waren. Für die aufkeimende Gewalt machen sich Regierung und Bembas MLC-Partei gegenseitig verantwortlich. „Bembas Soldaten haben auf Polizisten geschossen“, sagt ein Regierungssprecher. Ein Sprecher der MLC betont dagegen: „Die Republikanische Garde hat ohne Grund auf uns geschossen.“

Am Montagabend dann gingen die Gefechte weiter. Auch hier ist nicht geklärt, wie die Kämpfe begannen. Doch am Abend stand die Residenz von Bemba unter Beschuss, Angehörige der Präsidentengarde sollen beteiligt gewesen sein. Erstmals rückten Soldaten der europäischen Friedensmission im Kongo, EUFOR, aus, um einen Waffenstillstand herzustellen – und um Botschafter aus Mitgliedstaaten des Internationalen Komitees zur Begleitung des politischen Übergangs im Kongo (CIAT), die sich zu einem „Arbeitstreffen“ in der Residenz aufhielten, zu evakuieren.

Ein Diplomat berichtete, die Residenz habe eine gute halbe Stunde lang unter schwerem Beschuss gestanden, „wahrscheinlich von Flakgeschützen, Raketenwerfern und schweren Maschinengewehren“. Bembas privater Helikopter sei zerstört worden und die Botschafter hätten im Keller des Gebäudes Zuflucht gesucht. Ein anderer Diplomat sagte, in dem Gebäude seien unter anderem die Botschafter Frankreichs, Großbritannien und der USA gewesen sowie der Chef der MONUC, der UN-Mission im Kongo. Am späten Abend dann haben offenbar die spanischen EUFOR-Soldaten sowie Soldaten aus Uruguay die Straße freigehalten, damit die Botschafter das Haus verlassen konnten.

Am Montag waren die meisten Geschäfte in Kinshasa geschlossen geblieben, nur wenige Menschen trauten sich aus dem Haus. Im „stehenden Parlament“, einer Mischung aus Debattierclub und Hyde Park Corner, standen nur wenige der streitfreudigen Bemba-Anhänger beisammen. Trotz der Kämpfe sind dort auch ruhige Stimmen zu hören: „Ich bin zufrieden“, sagt ein junger Mann. „Trotz des ganzen Wahlbetrugs haben wir noch eine Chance, dass der Richtige gewinnt.“

Nach dem vorläufigen Ergebnis hat der amtierende Präsident Kabila mit knapp 45 Prozent die größte Zahl an Stimmen erhalten. Ihm folgt mit rund 20 Prozent Bemba. Der Sieger muss in einer Stichwahl zwischen den beiden Erzfeinden am 29. Oktober bestimmt werden. Trotz der Unruhen ist der Wahlausgang nach Ansicht vieler Beobachter der bestmögliche. Dass Kabila vorn liegen würde, war absehbar, da er im Osten des Landes überwältigende Unterstützung hat. Hätte er aber in der ersten Runde über 50 Prozent erhalten, wäre es in Oppositionshochburgen wie Kinshasa und den Kasai-Provinzen zu sehr schweren Ausschreitungen gekommen, so Militärbeobachter.

Die EUFOR hielt sich bisher größtenteils in ihrem Hauptquartier auf. Die Soldaten werden erst als letztes Mittel von den Vereinten Nationen um Hilfe angerufen. Allerdings wurde die EU-Truppe in erhöhte Einsatzbereitschaft versetzt: Das Schild im Hauptquartier, das in grün, gelb, orange und rot die Sicherheitsstufe angibt, steht auf gelb, Stufe zwei. mit AFP

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