Naher Osten : Ein Wirtschaftsfrieden könnte dem Islamismus Einhalt gebieten

Im Nahen Osten zerfallen Nationen und Religionen. Der Westen ist daran nicht unschuldig. In kultureller Hinsicht sollte er sich zurücknehmen - bei der wirtschaftlichen Kooperation dagegen nicht. Ein Essay.

Heinz Theisen
Angriff auf eine Stellung der Terrormiliz IS im Irak
Angriff auf eine Stellung der Terrormiliz IS im IrakFoto: dpa/EPA/JM Lopez

Für den Nahen Osten war Samuel Huntingtons Analyse vom „Kampf der Kulturen“ noch zu optimistisch. Weiterhin kämpfen hier jüdische und islamische, säkulare und fundamentalistische Kulturen gegeneinander. Hinzugekommen sind innerkulturelle Kämpfe zwischen Konfessionen, Ethnien und Stämmen.  Zwischen Schiiten und Sunniten ist der uralte Erbkonflikt um die Nachfolge Mohammeds in einen Machtkonflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran übergegangen. Christen, Jesiden und andere Minderheiten werden zwischen den Fronten zerrieben. Im Machtvakuum breiteten sich extremistische Dschihadisten aus. Mit ihnen ist der alte Kampf der Kulturen in einen  Kampf der Barbarei gegen die Zivilisation umgeschlagen.

Die Bündnispolitik des Westens im Nahen Osten ist gescheitert

Auf die Implosion der alten kulturellen Ordnungen muss der Westen mit neuen Strategien antworten. Seine bisherige Bündnis- und Interventionspolitik ist im Nahen Osten vollständig gescheitert. Die Entfesselung des dschihadistischen Islamismus ist in der Levante nicht zuletzt über die vorangegangene Destabilisierung autoritärer, aber säkularer Regime auch mit Hilfe des Westens möglich geworden.

Darüber wird die ganze Tragweite von Huntingtons Warnungen offenkundig. Er hatte sich bemüht, die Einsicht zu verbreiten, dass eine weitere Universalisierung westlichen Strukturen nur Öl ins Feuer der Kulturkämpfe schütten würde. Statt weiterer Ausdehnung erfordere eine westliche Selbstbehauptung Rücknahme und Selbstbegrenzung. Nach dem „Fluch der bösen Tat“ (Peter Scholl-Latour) bleiben ihm nur noch die Rückzugsgefechte zur Eindämmung des Dschihadismus. Dafür ist der heillos überdehnte Westen längst auf die Hilfe nahöstlicher Mächte angewiesen, selbst wenn diese autoritär regiert werden wie Ägypten und selbst wenn es sich um radikalislamische Staaten wie Saudi-Arabien und den Iran handelt. Das regressiv-totalitäre Kalifatsregime fordert zugleich die schiitischen Mächte, autoritäre Monarchien und die archaische Stammesherrschaft der Saudis heraus.

Für die religiösen Extremisten ist der Westen, dies ist die gute Nachricht, nur noch ein Feind unter vielen. Daraus ergeben sich nämlich neue Bündnisoptionen. Die Differenzierung der islamischen Welt nach autoritären, radikalen und extremistischen Kräften macht zunächst die Abkehr von der naiven Unterscheidung zwischen guten Demokraten und bösen Diktaturen notwendig.

Demokratisch gewählte Muslimbrüder haben Ägypten in Richtung Gottesstaat gedrängt, die demokratische Türkei hat das Treiben des Islamischen Staates erst ermöglicht. Um ein Haar hätten die westlichen Demokratie-Universalisten den Islamisten auch noch den Weg nach Damaskus freigebombt, wo Realpolitiker einen säkularen Diktator leicht als das kleinere Übel identifiziert hätten. 

Der Westen muss sich stärker auf seine eigenen Angelegenheiten konzentrieren

Nach der Verstrickung in nahöstliche Paradoxien wird es für den Westen höchste Zeit, sich stärker auf seine eigenen Angelegenheiten und deren Selbstbehauptung zu konzentrieren. Gegenüber den „orientalischen Angelegenheiten“ müsste er dementsprechend zu einer Politik von Neutralität und Gleichgewicht übergehen. Darüber würde er seine übertriebene Feindschaft zum Iran und seine übertriebene Freundschaft zu dem seit jeher zwielichtigen Saudi-Arabien und der neuerdings zwielichtigen Türkei relativieren. Diese könnte ansonsten noch ihre Nato-Verbündeten in die Implosion nahöstlicher Kulturen und Nationen hineinziehen.  

Die über seinen Rückzug freiwerdenden Energien sollte der Westen in die Zukunft investieren. Parallel zur Islamisierung ist unter den jungen Menschen eine Neuorientierung an der Individualisierung der Interessen erkennbar. Diese bereitet einen Paradigmenwandel von den kollektiven Identitäten der Nationen und Religionen zu den rationalen und funktionalen Kategorien der Zivilisation vor. 

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