Naher Osten : Israelisch-ägyptischer Handschlag mit Folgen

Ein Streit um ein Treffen des ägyptischen Großmuftis mit Israels Präsident zeigt, wie angespannt das Verhältnis beider Länder ist. Eine Analyse unseres Kairo-Korrespondenten Martin Gehlen.

Martin Gehlen[Kairo]

Ausgerechnet Ägyptens oberster Moralhüter musste sich dieser Tage in eine Notlüge flüchten. „Nein, ich kannte diesen Mann nicht“, behauptete Scheich Muhammad Tantawi, Oberhaupt der renommierten Al-Azhar-Universität. Auf dem UN-Religionsgipfel Mitte November in New York hatte der Großmufti unter anderem Israels Präsidenten Schimon Peres die Hand geschüttelt, der sicher zu den bekanntesten Politikern der Welt gehört. Seine Entourage habe nicht aufgepasst, schäumten daheim in Kairo die frommen Kollegen, als jetzt mit einiger Verspätung Fotos dieses Moments in ägyptischen Zeitungen auftauchten und empörte Kommentare auslösten. „Ich habe ihm die Hand gegeben, ohne zu wissen, wie er aussieht“, verteidigte sich Tantawi und beschimpfte die Medienleute, die dieses Foto druckten, als „Wahnsinnige“.

So skurril dieser Vorgang ist, er wirft ein typisches Licht auf den frostigen Frieden zwischen Israel und Ägypten. Fast 30 Jahre ist es her, dass der Vertrag von Camp David in Kraft trat. Doch bis heute prägen Misstrauen, Feindseligkeiten und Aggressionen das Verhältnis. So warnte Israel ausgerechnet vor Beginn der Hochsaison seine Bürger offiziell vor Reisen nach Ägypten, eine öffentliche Demütigung für das vom Tourismus abhängige Land. Umgekehrt stoppte jetzt ein Gericht in Kairo den seit Februar laufenden neuen 15-Jahre-Vertrag für Gaslieferungen an den ungeliebten Nachbarn. Zwar existiert zwischen Kairo und Tel Aviv eine direkte Verbindung, Flugzeit 85 Minuten. Wer jedoch die zweimal pro Woche verkehrende israelische Staatslinie El Al nutzt, sollte in Kairo drei bis vier Stunden vorher auf dem Flughafen sein und wird von israelischem Sicherheitspersonal peinlich verhört – eine Erfahrung, die sich nur noch hartgesottene Geschäftsleute zumuten. Ägyptischer Tourismus nach Israel existiert praktisch nicht, abgesehen von gelegentlichen Pilgerfahrten koptischer Christen nach Jerusalem. Und die berichten von Versuchen des ägyptischen Geheimdienstes, ihnen die Reise auszureden.

Denn Ägyptens Präsident Hosni Mubarak macht es seinen Landsleuten vor. In 28 Amtsjahren hat Mubarak jüdischen Boden nur einmal betreten – 1995 bei der Beerdigung von Jitzchak Rabin. Die Nähe zu Israel zu suchen, das kommt am Nil nicht gut an. So konnte der ägyptische Autor Ali Salem seit seiner Reise nach Tel Aviv und Haifa im Jahr 1994 in seiner Heimat kein einziges Theaterstück mehr aufführen. Den Besuch hat der 72-Jährige in einem Buch verarbeitet, aus dem Schriftstellerverband wurde er gefeuert.

Derweil breiteten Kairoer Zeitungen dieser Tage genüsslich die Beschwerde des Richters Moustafa al Gabri aus, der in einem Apartmentkomplex im vornehmen Stadtteil Maadi auf der gleichen Etage wohnt wie der israelische Botschafter. Wenn er in den hauseigenen Gymnastikraum wolle, blockierten der Botschafter und seine fünf Leibwächter den Aufzug für alle anderen, schrieb der Richter in seiner Anzeige an die Polizei. Auch müsse er sich ständig vor seinem eigenen Wohnhaus ausweisen, wenn der israelische Diplomat in der Nähe sei. Inzwischen hat das Thema auch das Parlament erreicht. Ein Abgeordneter forderte die Regierung in einer kleinen Anfrage auf, „den Diplomaten unter Hausarrest zu stellen“. Ein anderer wurde noch drastischer: „Israels Botschafter ist in Ägypten unerwünscht. Er und seine Leute sollten das Land verlassen.“

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