Politik : Nahost: Anschlag am Kontrollpunkt

Charles A. Landsmann

Diesmal war es ein Kontrollpunkt, am Tag zuvor das Stadtzentrum von Jerusalem und noch einen Tag früher ein Linienbus bei Umm el-Fahm: Es gibt keinen Ort in Israel, an dem man vor einem Selbstmordattentat sicher ist. Bei dem Anschlag am Freitag sprengte sich ein Palästinenser an einem israelischen Militärposten im Westjordanland in die Luft und verletzte zwei Personen. Zu der Tat bekannten sich die Al-Aksa-Brigaden. Sie stehen der Fatah-Bewegung von Palästinenser-Chef Jassir Arafat nahe. Nachdem die US-Regierung entschieden hatte, die Gruppe künftig als Terrororganisation einzustufen, rief sich der örtliche Milizführer Nasser Awais zum obersten Führer der Brigaden aus. Er kündigte weitere Anschläge an, obwohl Arafat zuvor zu einem Ende der Attentate gegen Zivilisten aufgerufen hatte.

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Kurz vor der Tat hatten Israelis und Palästinenser ihre Verhandlungen über einen Waffenstillstand wieder aufgenommen. Die Sicherheitsgespräche unter Leitung von US-Vermittler Zinni endeten nach drei Stunden ohne Einigung. Allerdings sollen die Verhandlungen am Sonntag fortgesetzt werden.

Israels Ministerpräsident Scharon hat sämliche Vorbedingungen für einen Waffenstillstand erfüllt - den Rückzug aus allen vollautonomen palästinensischen Gebieten - und einige seiner ultimativen Forderungen fallen gelassen: Sowohl von der siebentägigen Ruhephase vor Verhandlungsbeginn als auch von der Weigerung, "unter Feuer" zu verhandeln, ist nicht mehr die Rede.

Ganz anders Jassir Arafat, der bisher keinen Befehl zur Kampfeinstellung erteilt hat. Natürlich kann Arafat nicht alle Anschläge verhindern. Doch ist er als Autonomiepräsident Oberkommandierender aller Sicherheitskräfte, als Fatah-Vorsitzender oberster Kommandant der Al-Aksa-Kommandos. Mohammed Mashud Mohammed Hashaikeh (21) aus Tluza bei Nablus ist der Selbstmörder, der das Attentat am Donnerstag in einer Jerusalemer Einkaufsstraße beging. Er ist palästinensischer Polizist, und die Al-Aksa-Kommandos haben die Verantwortung übernommen. Zudem ist der junge Mann vor wenigen Tagen vom palästinensischen Sicherheitsdienst aus der Haft entlassen worden, nachdem er kurz vor einem Selbstmordattentat verhaftet worden war.

Nach wie vor wird gerätselt über Arafats Motive für den fortgesetzten Kampf und die gleichzeitigen Verhandlungen über einen Waffenstillstand. Exakt damit befasste sich das israelische Sicherheitskabinett am Donnerstag. Der militärische Nachrichtendienst kam zu dem Schluss, dass Arafat die Verhandlungen braucht, weil sie garantieren, dass die israelische Vergeltung maßvoll ausfällt. Er nutze den Terror ferner als Druckmittel, um schnellstmöglich zu politischen Verhandlungen zu kommen, hieß es.

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