Politik : Nahost: Arafat sitzt zwischen allen Stühlen

Andrea Nüsse

So hatte Palästinenserpräsident Jassir Arafat sich das wohl nicht vorgestellt. Er hatte gehofft, dass der internationale Druck auf Israel, den weiteren Ausbau der Siedlungen völlig einzustellen, wachsen würde. Ein solcher Siedlungsstopp und die Aussicht auf Verhandlungen hätte es ihm ermöglicht, im Gegenzug zum Ende der Gewalt und Proteste gegen die israelische Besatzung aufzurufen - mit Aussicht auf Erfolg. Doch nach dem Selbstmordanschlag von Tel Aviv wendete sich die öffentliche Weltmeinung und Arafat mußte zu einer Waffenruhe aufrufen - ohne den desillusionierten Palästinensern einen Beweis dafür zu liefern, dass es sich wieder lohnt, mit den Israelis zu verhandeln.

Unter diesen Umständen wird es für Arafat schwierig, wenn nicht unmöglich, die Waffenruhe durchzusetzen. Der Fatah-Führer in Ramallah, Marwan Barghrouti, erkennt den Waffenstillstand zwar an, bezieht ihn aber nur auf die A-Gebiete, die völliger palästinensischer Kontrolle unterstehen. Doch die Intifada, der Widerstand gegen die Besatzung in anderen besetzten Gebieten, werde weitergehen, so Barghouti.

Verwirrung herrscht in Gaza über die Haltung der extremistischen Gruppen Hamas und Dschihad, die für die Selbstmordanschläge verantwortlich sind. Nach einem Gespräch am Montag mit Arafat hatte es geheißen, die Gruppen verzichteten auf Anschläge in Israel und Angriffe aus den palästinensisch kontrollierten Gebieten heraus. Doch der Widerruf kam prompt: Hamas-Sprecher erklärten, der Kampf werde fortgesetzt. Außerdem zeigten sie sich zuversichtlich, das Arafat es nicht wagen würde, gegen Mitglieder von Hamas oder Dschihad vorzugehen. Dies ist in der Tat schwierig: Einmal sind die Chefs der palästinensischen Sicherheitsdienste, Dahlan und Rajoub, kürzlich beide persönlich von der israelischen Armee beschossen oder zu Hause bombardiert worden. Beide hatten in der Vergangenheit auch zu Israels Zufriedenheit kooperiert und zeigten sich doch etwas verschnupft über die Angriffe. Schwerwiegender aber ist die Einstellung vieler Palästinenser: In einer Umfrage, die vor dem Anschlag vom Freitag durchgeführt wurde, sprachen sich 76 Prozent für Selbstmordanschläge aus, 49 Prozent gegen ein Ende der Intifada. Nur 34,4 Prozent der Befragten sagten, sie würden einen Aufruf Arafats zur Beendigung des Aufstandes unterstützen. Arafat hat stets versucht, die politischen Flügel von Dschihad und Hamas einzubeziehen, die beiden Gruppen wiederum haben die offene Herausforderung meist vermieden. Arafat kann ihre Aktivität eindämmen, nicht völlig verhindern. Das wissen auch die Israelis.

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