Politik : Nahost: Besuch bei der Truppe

Vertrauen schaffen zwischen Israels Premierministe

Vertrauen schaffen zwischen Israels Premierminister Ariel Scharon und Palästinenserchef Jassir Arafat - das ist das hoch gesteckte Ziel von US-Außenminister Colin Powell, der am Donnerstagabend in Israel eintraf. Allein schon die gegenwärtigen Lebensumstände Arafats und Scharons könnten allerdings unterschiedlicher kaum sein. Ein Rückblick auf die vergangene Woche aus der Sicht der beiden Schlüsselfiguren:

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Sonntag, 7. April: Ermuntert durch die für ihn positive Trendwende in den Meinungsumfragen gibt sich Ariel Scharon auch gegenüber US-Präsident George W. Bush in einem nächtlichen Telefongespräch unnachgiebig. Dessen Forderung nach einem Truppenrückzug "ohne Verzögerung" lehnt Scharon ab: "Noch nicht", sagt er. Zuerst müssen die gesteckten Ziele erreicht werden. Er werde die "Operation Schutzwall" beschleunigen. In seiner Rede in der Knesset beschuldigt Scharon am Mittag Palästinenserpräsident Arafat, ein "Regime des Terrors" gegen Israel errichtet zu haben. Er selbst sei bereit, mit "gemäßigten arabischen Führern Friedensverhandlungen ohne Vorbedingungen" aufzunehmen.

Montag, 8. April: Nach Beratungen mit Verteidigungsminister Benjamin Ben-Eliezer gibt Scharon am Abend die Weisung, sich aus zwei Städten im Westjordanland - Kalkiliya und Tulkarm - zurückzuziehen. Allerdings soll gleichzeitig der Belagerungsring um die beiden Städte enger und dichter gezogen werden.

Dienstag, 9. April: Scharon löst das Dreiergremium an der Regierungsspitze, in dem er gegenüber den beiden Arbeitspartei-Ministern Peres und Ben-Eliezer in der Minderheit ist, auf. Er teilt mit, dass ab sofort das durch zwei nationalistische Minister erweitere Sicherheitskabinett alle wichtigen operativen Entscheidungen treffen wird. In diesem verfügt er über eine 6:3-Mehrheit. Vor den Vertretern amerikanischer Juden wertet er die Entscheidung des amerikanischen Außenministers Powell, sich mit Jassir Arafat zu treffen, als "tragischen Irrtum".

Mittwoch, 10. April: An der Sitzung der Likud-Minister stellen sich alle Anwesenden hinter Scharons Feststellung, dass die "Operation Schutzwall" ungebremst weitergehen muss. Erstmals seit Ausrufung des "Krieges gegen den Terror" besucht Scharon die kämpfende Truppe. In einer Armeebasis bei Dschenin stellt er sich auch den Fragen der von den Kämpfen im Flüchtlingslager erschöpften Reservisten: "Welches ist das politische Ziel der Operation? Ich hole Kinder aus ihren Häusern heraus. Wie geht es weiter?" Scharon antwortet: "Wir sind dem Tenet- und dem Mitchell-Plan verpflichtet. Das Ziel der Regierung ist der Terrorstopp, und wir werden nicht von Dschenin, Nablus und Ramallah weggehen, solange es noch ein Körnchen Terror gibt."

Donnerstag, 11. April: In einem Telefongespräch mit Powell, der sich noch in Madrid aufhält, verweigert sich Scharon dessen Forderung nach einem sofortigen Truppenrückzug aus allen noch besetzten Westbank-Städten und 22 Dörfern. Seine genauen Absichten will Scharon am Freitag Powell darlegen. Scharons Vorschlag, Powell sollte Arafat nicht in dessen belagerter Kanzlei in Ramallah treffen, sondern in der abgelegenen Stadt Jericho, wird von den Amerikanern und den Palästinensern zurückgewiesen. Charles A. Landsmann

Telefonieren und warten

Eingeschlossen in Ramallah: Die Woche des PLO-Chefs Arafat

Sonntag, 7. April: Es war wieder eine laute Nacht. Nicht nur liefen die Motoren der israelischen Panzer die ganze Nacht. Es wurden auch einige Tränengasbomben auf das Gebäude geworfen, in dem der Palästinenserführer mit etwa 200 Mann und etwa 40 ausländischen Friedensaktivisten festsitzt. In der Nacht zuvor wurde eine Rakete in eine Wand geschossen. Während einige "Insassen" sich beschweren, dass die israelische Armee sie systematisch am Schlafen hindern wolle, kommt kein Wort der Klage über Arafats Lippen. "Vergesst nicht Beirut, ich habe schon Schlimmeres durchgemacht", erklärt Arafat seinen Vertrauten per Telefon auf die Frage, wie es ihm gehe.

Montag, 8. April: Montag ist Alltag. Arafat und seine Begleiter warten. Es gibt kein Wasser in dem Gebäudekomplex. Ein israelischer Armeesprecher erklärt, man versuche, das Leitungsproblem zu beheben. Dafür habe Arafat Strom und Telefon. Unterhändler Saeb Erekat erklärt in der "New York Times", er schäme sich, die Belagerten zu fragen, wo sie ihre Notdurft verrichten. "Sie haben jetzt Wasser in Flaschen, das werden sie wohl benutzen", meint Erekat. Rasieren ist unter diesen Umständen natürlich Luxus und alle Männer trügen jetzt zumindest einen Stoppelbart à la Arafat, erklärte Erekat weiter. Arafat telefoniert wie ein Weltmeister. Heute hat er den saudischen Kronprinzen Abdallah angerufen.

Dienstag, 9. April: Arafats Bart wächst weiter, und das Warten scheint Erfolg zu haben. Nicht nur ist der belagerte Palästinenserführer längst zum Helden der Palästinenser und der gesamten arabischen Welt geworden. Am Dienstag erklärt auch der US-Außenminister Colin Powell, dass er Arafat bei seinem Besuch in der Region treffen wolle. Zuvor hatte es geheißen, Powell werde Arafat nicht sehen.

Mittwoch, 10. April: Heute ist viel los. Zunächst stürzen nach palästinensischen Angaben mehrere Gebäude innerhalb des Hauptquartiers zusammen. Angeblich hat die israelische Armee unter anderem das Büro vom Chef der Öffentlichen Sicherheit in der West-Bank, Ismail Jaber, in die Luft gesprengt. Die Armee dementiert diese Angaben. Arafat telefoniert wieder, diesmal fordert er seinen Kooperationsminister Nabil Schaath auf, in Kairo zu bleiben. Von dort aus soll er Kontakte zur Welt aufrecht erhalten. Und dann kommen plötzlich zahlreiche Besucher: Erstmals seit 13 Tagen Belagerung gestattet die israelische Armee vier Arafat-Vertrauten den Zugang zu dem belagerten Büro. Arafat empfängt Unterhändler Saeb Erekat, der Geheimdienstchef des Gaza-Streifens, Mohammed Dahlan, Informationsminister Abed Rabbo und die Nummer zwei der PLO, Abu Mazen. Sie besprechen das spätere Treffen der Arafat-Vertrauten mit Anthony Zinni.

Was keinem europäischen Diplomaten bisher gelang, schaffte der norwegische Vertreter bei der Autonomiebehörde: Auch er besuchte Arafat am Mittwoch in seinem Büro. Erstmals seit dem sonnabendlichen Treffen mit Zinni gab es bei dieser Gelegenheit auch wieder ein Foto des Palästinenserführers.

Donnerstag, 11. April: Das Warten geht weiter. Vielleicht räumt Arafat sein Zimmer noch ein bisschen auf. Denn er erwartet in den nächsten Tagen hochrangigen Besuch in seinem Gefängnis: Den amerikanischen Außenminister Powell. Andrea Nüsse

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