Politik : Nahost: Bush greift ein

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Mit dem Einmarsch in die Stadt Nablus hat Israel eine Woche nach Beginn der Militäroffensive die Wiederbesetzung der autonomen Gebiete im Westjordanland praktisch abgeschlossen. In allen großen Städten bis auf Hebron und Jericho waren am Freitag Zehntausende israelischer Soldaten im Einsatz, um mutmaßliche Extremisten und Waffenverstecke zu suchen. Unterdessen hielten die diplomatischen Bemühungen um eine Lösung der Krise an. Wie Regierungsbeamte am Donnerstag in Washington mitteilten, will US-Präsident Bush seinen Außenminister Colin Powell in den Nahen Osten schicken.

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In der Geburtskirche von Bethlehem hielten sich am Donnerstag weiter bewaffnete Palästinenser auf. Es seien etwa 150 bis 200 Männer, sagte am Donnerstagmorgen der Leiter des Franziskanerklosters im Kirchenkomplex, der deutsche Pater Johannes Simon, dem Tagesspiegel. Nach Explosionen an einer zum Kirchengelände gehörenden Tür waren die im Inneren verschanzten Palästinenser in den benachbarten Franziskaner-Konvent vorgerückt, wo sich rund 40 Ordensleute aufhielten. Offenbar wollten sie sich mit den Mönchen menschliche Schutzschilde gegen eine Erstürmung der Kirche durch israelische Soldaten verschaffen. "Seit sie hier sind, kommen wir nicht mehr raus, draußen sind die israelischen Truppen. Wenn ich im Flur aus dem Fenster schaue, kann ich die Panzer sehen," sagte Simon. Angst habe er vor den Palästinensern nicht. Allerdings befürchte er Kämpfe zwischen den Palästinensern und israelischen Soldaten, sagte Simon weiter.

Die EU schickte am Donnerstag eine ranghohe Delegation nach Israel, die allerdings keinen Zugang zu Palästinenserpräsident Arafat erhielt. "Wir denken, dass es ein großer Irrtum ist, ein Treffen mit Präsident Arafat nicht zu erlauben", sagte der EU-Außenbeauftragte Javier Solana nach einem Treffen mit dem israelischen Außenminister Schimon Peres.

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, kritisierte unterdessen den früheren Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) wegen seiner Äußerungen zum Nahost-Konflikt scharf. Blüm hatte das israelische Vorgehen gegen die Palästinenser in einem Schreiben an den israelischen Botschafter in Deutschland, Shimon Stein, als "hemmungslosen Vernichtungskrieg" bezeichnet. Dazu sagte Friedman der "Bild"-Zeitung: "Norbert Blüm disqualifiziert sich, weil er einseitig, undifferenziert Klischees übernimmt." Auch der Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, der FDP-Bundestagsabgeordnete Dirk Niebel, wandte sich gegen Blüm. "Herr Blüm hat sich total im Wort vergriffen", sagte Niebel.

Stein befürchtet eine Ausweitung der Übergriffe auf jüdische Einrichtungen wie in Frankreich und Belgien. "Ich befürchte und bedauere, dass jüdische Einrichtungen und auch Juden Ziel von Randalierern und Extremisten sind", sagte Stein. Diese Übergriffe sollten von allen Teilen der deutschen Gesellschaft entschieden bekämpft werden.

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