Politik : Nahost: Der alte Mann im Bunker

Moritz Schuller

Der große Saal ist abgedunkelt, um kein Ziel für Raketen abzugeben. Überall liegen Matratzen herum, es ist kalt, Wasser gibt es nicht mehr, und inzwischen wird auch das Essen knapp. Etwa 40 internationale Menschenrechts- und Friedensaktivisten harren in Jassir Arafats Präsidentensitz in Ramallah aus, die meisten Franzosen, doch unter ihnen befinden sich auch zwei Deutsche: die Münchner Lehrerin Sophia Deeg und ihre 21-jährige Tochter Julia.

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"Gerade ist Arafat wieder einmal heruntergekommen", berichtet Sophia Deeg dem Tagesspiegel per Handy aus dem zerbombten Gebäudekomplex, "er wirkt wie im Fernsehen: sehr alt, sehr zerbrechlich." Arafat sei vollkommen isoliert. "Von ihm geht keine politische Initiative aus, von seiner Autorität ist nichts übriggeblieben", sagt Sophia Deeg. Geschützt werde er von etwa 400 "improvisierten Soldaten", Bauernburschen mit alten Waffen, die jedoch zu allem entschlossen seien.

"Mir geht es um Menschenrechte", sagt Tochter Julia Deeg, die in Berlin in einer Kita arbeitet. "Ich kann nicht zusehen, wie Kinder und Frauen umgebracht werden." Vor zwei Tagen hatten sich Mutter und Tochter in Ramallah mit Aktivisten des International Solidarity Movement getroffen. Dort erfuhren sie, dass die Israelis Arafats Präsidentensitz angreifen wollten. Mit weißen Fahnen liefen die beiden an den israelischen Panzern vorbei. "Dass es so eskalieren würde, ahnten wir nicht", sagt Julia Deeg.

Inzwischen will zumindest Sophia Deeg die von der Außenwelt abgeschlossene Anlage wieder verlassen. In zwei Tagen sei ihr Rückflug nach Deutschland geplant, und außerdem gehe es ihr nicht gut, sagt sie. Die Israelis ließen aber die Vertreter der deutschen Botschaft, die ihr hinaus helfen könnten, nicht mehr ins Gebäude. Julia will ohnehin ausharren, bis die übrigen Kämpfer mit Wasser versorgt werden: "Wenn diese Bedingungen nicht erfüllt sind, kann ich nicht gehen. Dafür habe ich mein Leben nicht riskiert."

Dass sie als Deutsche auf Seiten der Palästinenser Widerstand gegen Israel leisten, ist für Mutter noch Tochter kein Problem. "Das geht nicht gegen Israel", betont die 50-jährige Sophia Deeg, "ich stehe nicht auf der anderen Seite der Israelis." Julia fürchtet, dass die Israelis die Aktivisten als Anti-Semiten instrumentalisieren könnten. Doch darauf könne sie keine Rücksicht nehmen, sagt sie.

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