Politik : Nahost: Die Angst vor einem neuen Exodus

Andrea Nüsse

Im Sportgeschäft "Tiger" im Geschäftsviertel Sweifye in Amman herrscht Stille. Die fünf Angestellten und der Chef hinter der Kasse starren auf den kleinen Fernseher an der Wand. Der pan-arabische Sender Al-Dschasira berichtet live aus Ramallah und zeigt immer wieder die israelischen Panzer im Amtssitz von Palästinenserführer Jassir Arafat. In Amman, Kairo, aber auch Kuwait City und vielen anderen arabischen Städten beteiligten sich am Wochenende Tausende an anti-israelischen Protesten. Dies macht besonders Jordanien nervös, dessen Bevölkerung zu mehr als der Hälfte palästinensischer Abstammung ist.

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Der jordanische und der ägyptische Außenminister bestellten deshalb am Sonntag die israelischen Botschafter in ihren Ländern ein und forderten den sofortigen Rückzug aus Ramallah und den anderen Autonomiestädten. Der jordanische Außenminister Marwan Muasher warnte Botschafter David Dadon, dass Jordanien "Maßnahmen" ergreifen werde, wenn die militärische Offensive, die er laut Nachrichtenagentur Petra als "unverantwortliche Aktionen" bezeichnete, nicht gestoppt werde. König Abdallah II., die Regierung und die gesamte jordanische Bevölkerung ständen hinter Arafat, erklärte Muasher dem Diplomaten. In Beobachterkreisen wird damit gerechnet, dass Jordanien und Ägypten die israelischen Botschafter nach Hause schicken werden, wenn die Belagerung von Arafats Büro andauert.

Sorgen bereitet Amman und Kairo auch die israelische Drohung, festgenommene Palästinenser nach Jordanien und Ägypten zu deportieren. Seit Beginn der Intifada geht in Jordanien die Angst vor einem neuen Exodus aus Palästina um, der das fragile Gleichgewicht des kleinen Königreiches erschüttern würde.

Auch in arabischen Ländern, die weiter vom Zentrum des Geschehens entfernt liegen, wachsen Sorge und Wut. Der saudische Kronprinz Abdallah, der sich noch in Beirut aufhält, erklärte im Fernsehsender Orbit, der israelische Premier Ariel Scharon habe "keinen Verstand, keine Menschlichkeit und keinen Anstand, aber sein Tag werde kommen." Trotz des Geschehens hält er an der beim Arabischen Gipfel verabschiedeten Friedensinitiative fest.

Doch der Unmut der arabischen Führer richtet sich auch gegen Washington. In einem Interview warf der Verteidigungsminister der Vereinigten Arabischen Emirate und Kronprinz von Dubai, Shekich Mohammed bin Rashid al-Maktum, den USA am Montag vor, sie hätten keine Entschuldigung mehr, den israelischen "Massakern" an Palästinensern länger zuzusehen. Der ägyptische Außenminister Ahmed Maher zeigte sich im ägyptischen Fernsehen am Sonntag enttäuscht darüber, dass die USA nicht mehr "Druck auf Israel ausüben wollen oder können". "Israel braucht jemanden, der es vor sich selbst rettet", wird Maher zitiert. Der Generalsekretär der Arabischen Liga schließlich, Amr Mussa, dachte am Wochenende schon laut über die Wiederaufnahme des Wirtschaftsboykotts gegen Israel nach. "Die Situation schreit nach einer solchen Entscheidung", zitiert ihn AFP.

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