Politik : Nahost: Die heimliche Elite

Charles A. Landsmann

Der mörderische Terroranschlag am letzten Freitag hat die "russische" Einwanderung in Israel ins Blitzlicht der Medien gebombt. 18 der zwanzig Todesopfer, und fast alle der über 120 Verletzten waren Einwandererkinder. Ihre Angehörigen und mit ihnen die große Mehrheit der Einwanderer erwarteten einen massiven Vergeltungsschlag, forderten Rache. Die Reaktion Ariel Scharons: "Auch Zurückhaltung ist eine Art von Stärke", stößt bei ihnen auf Unverständnis. Die "Russen", wie die rund eine Million Einwanderer der letzten zwölf Jahre aus der ehemaligen Sowjetunion und deren Nachfolgestaaten in Israel zusammenfassend genannt werden, verstehen die Welt nicht mehr. "Wer mich angreift, wer meine Kinder ermordet, der bekommt meine Vergeltung zu spüren. Rache für den Tod Unschuldiger ist selbstverständliche Pflicht", schrie ein verzweifelter Angehöriger eines Opfers in die Presse-Mikrophone.

Marina Solodkin, schwer arbeitende Knesset-Hinterbänklerin der Aliya-Einwandererpartei, versuchte die Mentalitätsunterschiede zu erklären: "Auf Hebräisch hat die Rechte und die Linke Argumente für eine Militäraktion oder für Zurückhaltung. Im russischen Dialog gibt es in solchen Situationen keine Argumentation, sondern eine natürliche Reaktion, die Forderung nach einem Standgericht für denjenigen, der Kinder und Frauen ermordet".

Viele Einwanderer beklagten in den ersten Tagen nach dem Anschlag, dass ihnen Alteingesessene unfreundlich bis feindlich gegenübergetreten sind: "Vielleicht weil die Opfer "nur Russen" waren, so ihr Kommentar. Und auch wenn sich die Wogen inzwischen ein wenig geglättet haben, die israelische Gesellschaft wieder enger zusammengerückt ist: In der israelischen Wirklichkeit hat sich ein "Staat im Staat" gebildet, oder aus Sicht vieler Einwanderer besser wohl "eine Kultur in einem Barbarenland". Denn insbesondere die aus Russland selbst stammenden Einwanderer schauen auf die israelische Gesellschaft herab. Sie verstehen sich als kulturelle und geistige Elite.

Die Schule, aus der die meisten jugendlichen Opfer des letzten Terroranschlages kamen, ist wohl eines der herausragendsten Beispiele für dieses Selbstverständnis - aber auch für die Einsicht des jüdischen Staates, dass man das gewaltige intellektuelle Potenzial der Einwanderer fördern muss. Heute sind fast 90 Prozent der 1500 Schüler des elitären "Shevah"-Gymnasiums Einwandererkinder aus dem Großraum Tel Aviv. Kaum ein Schüler kommt aus den sozial schwachen südlichen Stadtvierteln.

Das ursprünglich rein russischsprachige Theater "Gesher" hat an Qualität und Ansehen längst alle hebräischen Bühnen hinter sich gelassen. Die russischsprachige Zeitungslandschaft blüht im krassen Gegensatz zur hebräischen Medien-Einöde. Und dass mehrere russische Fernsehstationen, die über Satellit und Kabel in Israel empfangen werden können, nach dem Anschlag die Telefonnummern der Informationszentralen in Tel Aviv einblendeten, zeigt deutlich, wie sehr die Einwanderer noch immer mit ihrem Geburtsland verbunden sind.

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