Nahost : Die Türkei will die islamistische Hamas einbinden

Premier Erdogan empfängt Ministerpräsident Hanija aus Gaza – mit stillschweigender Zustimmung des Westens?

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Der Hamas-Regierungschef von Gaza, Ismael Hanija (li.), mit dem türkischen Premier Recep Erdogan.
Der Hamas-Regierungschef von Gaza, Ismael Hanija (li.), mit dem türkischen Premier Recep Erdogan.Foto: dpa

Ismail Hanija dürfte sich gefühlt haben wie zu Hause im Gaza-Streifen. Vor begeisterten Zuhörern mit palästinensischen Fahnen in den Händen verdammte der Hamas-Funktionär am Montag den Gegner Israel und kündigte eine Fortsetzung des Kampfes gegen den jüdischen Staat an. Doch Hanija, der Hamas-Ministerpräsident aus Gaza, sprach nicht vor heimischem Publikum. Er hielt seine Rede im Nato-Staat Türkei. In Istanbul besuchte Hanija die Mavi Marmara – jenes Schiff, auf dem vor zwei Jahren neun türkische Aktivisten auf dem Weg nach Gaza von israelischen Soldaten getötet wurden. Bereits am Sonntag hatte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan den Hamas-Anführer als ersten Gast des neuen Jahres empfangen. Der rote Teppich für Hanija, dessen Organisation vom Westen als Terrorgruppe eingestuft wird, ist Ausdruck der neuen türkischen Außenpolitik, sagen Beobachter. Ankara will Hamas durch Einbindung in einen politischen Prozess disziplinieren und aus der Einflusszone Syriens herauslösen.

Vor der Mavi Marmara, die auf einer Werft am Goldenen Horn vor Anker liegt, beschwor Hanija die türkisch-palästinensische Freundschaft. „Eure Märtyrer sind unsere Märtyrer,“ sagte er über die toten Gaza-Aktivisten aus der Türkei. Seit seinem Gespräch mit Erdogan am Vorabend wisse er, dass die Palästinenser einen besonderen Platz im Herzen des türkischen Volkes hätten. Dass Israel den Besuch Hanijas beim früheren Partner Türkei überhaupt nicht gerne sieht, stört in der Türkei kaum jemanden. Seit dem Angriff auf die Mavi Marmara sind die türkisch-israelischen Beziehungen in der Krise.

Nicht nur wegen des türkischen Dauerkrachs mit Israel schert Erdogan aus der Front der westlichen Staaten aus, die erst dann mit Hamas reden wollen, wenn die Organisation das Existenzrecht Israels anerkennt. Hanija, der sich derzeit auf seiner ersten Auslandsreise seit der endgültigen Machtübernahme von Hamas in Gaza vor fünf Jahren befindet, wird von Ankara ganz bewusst aufgewertet. „Hamas ist eine Realität“, sagte der Nahost-Experte Veysel Ayhan von der Denkfabrik Orsam in Ankara am Montag dem Tagesspiegel. „Wenn der Westen den Nahost-Konflikt beilegen will, dann muss er mit der Hamas reden.“ Erdogans Regierung sieht sich in dieser Frage als Impulsgeber. Hinter den Kulissen werde die türkische Haltung auch im Westen unterstützt, vermutet Ayhan. Noch vor einem Jahr wurde die radikale Palästinenser-Organisation auch in der arabischen Welt eher gemieden. Doch der Bankrott der säkularen Diktaturen habe die Lage für islamistische Gruppen wie die Hamas verbessert, sagt Ayhan.

In die Bemühungen um eine Verständigung zwischen Hamas und der säkularen Fatah-Bewegung von Palästinenserpräsident Mahmut Abbas hat sich Erdogan ebenfalls eingeschaltet.

In der jordanischen Hauptstadt Amman treffen sich am Dienstag unterdessen der – eigentlich formell zurückgetretene – palästinensische Chefunterhändler Saeb Erakat und Isaac Molcho, persönlicher Gesandter des israelischen Regierungschefs, „um eine gemeinsame Grundlage für die Wiederaufnahme direkter Verhandlungen zu erreichen“, wie ein Sprecher in Amman mitteilte. Konkrete Fortschritte werden nicht erwartet, doch die Zeit drängt: Am 26.Januar läuft die Frist ab, welche das Nahost-Quartett beiden Seiten zur Festlegung der Grenzziehung und der Sicherheitsvorkehrungen eingeräumt hat.

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