Politik : Nahost: Ein Land verlernt das Lachen

Charles A. Landsmann

Am Sabbat wird nicht mehr gelacht in Israel. Man erzählt keine politischen Witze mehr im Staat des jüdischen Witzes. Israels Rundfunk hat dem Problem der abhanden gekommenen Lacher am Wochenende ein Magazin gewidmet: Warum gibt es am Freitagabend, wenn sich zum Wochenendbeginn die Freunde treffen, keine Witze mehr? Die Experten sind sich einig: Weil es angesichts der aktuellen Lage wirklich nichts zu lachen gibt.

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Genauso denkt die große Mehrheit der Bevölkerung: Vor allem in den jüngeren Generationen wird ganz offen über Auswanderung geredet - als vernünftige Alternative zum lebensgefährlichen Reservedienst in den palästinensischen Gebieten und zur existenziellen Angst um den Arbeitsplatz: Der jüdische Staat versinkt in Depression, in jeder Hinsicht: moralisch, gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich.

Finanzministerium und Staatsbank haben in der vergangenen Woche klargestellt, dass die Wirtschaftskrise in erster Linie ein Produkt der Gewalt-Eskalation ist: Rund sechs Milliarden Euro hat die seit anderthalb Jahren andauernde "Al-Aksa-Intifada" der Palästinenser Israels Wirtschaft bisher gekostet - fünf Prozent des Bruttoinlandprodukts. 80 000 geplante Arbeitsplätze konnten in dieser Zeit nicht geschaffen werden. Entsprechend wurden die bis zum Intifada-Ausbruch überaus optimistischen Prognosen jetzt für 2002 nach unten korrigiert: Nullwachstum bei über 10 Prozent Arbeitslosigkeit.

Misstrauen und Angst beherrschen jetzt den Alltag. Aus Angst vor Terroranschlägen meidet man Menschenansammlungen, die Umsätze in den Einkaufszentren sind um rund 40 Prozent abgesackt, selbst der Kinoschlager "Der Herr der Ringe" läuft vor mehr als halbleeren Sälen. Man bleibt zu Hause und hört so wenig wie möglich Radio, weil fast jede Sendung mit aktuellen Horrormeldungen unterbrochen wird. Die halbstündlichen Nachrichten bringen ohnehin Schreckensnachrichten zu drei Themen: Anschläge, Beerdigungen von Opfern oder die Aufforderung an die Autofahrer, gewisse Regionen zu meiden.

Nun haben auch noch die europäischen Fussball-Gewaltigen in Zürich der ganzen Nation die einzige Freude der letzten Zeit verdorben, indem sie die Abhaltung des landesweit mit Hochspannung erwarteten Viertelfinalspieles im Uefa-Cup zwischen den Weltstars des AC Mailand und dem Überraschungsteam von Hapoel Tel Aviv in der israelischen Metropole aus Sicherheitsgründen untersagt haben. Scharon und Außenminister Schimon Peres versuchten die aufgebrachte Öffentlichkeit zu besänftigen, indem sie persönlich den Milan-Besitzer anriefen und baten, seine Bereitschaft zum Spiel in Tel Aviv der Uefa mitzuteilen und diese so umzustimmen. Doch Silvio Berlusconi, auch Regierungschef in Rom, versprach viel, tat danach aber nichts.

In ihren Ansichten über die politische Lage und die Konfliktlösung ist die Nation gespaltener denn je. Unter dem Eindruck des Terrors propagiert die Rechte radikal-nationalistische Ideen wie die Vertreibung der Palästinenser im allgemeinen, diejenige von Jassir Arafat im besonderen oder gar die Forderung nach dessen "physischer Liquidierung" - für letzteres sprachen sich 36 Prozent der Mitglieder des Likud-Zentralkomitees aus. Die gleichen Leute wollen mit wachsender Mehrheit den Nationalisten-Führer Benjamin "Bibi" Netanjahu zu ihrem Kandidaten für das Amt des Regierungschefs nominieren anstelle von Ariel Scharon.

Scharon werden von allen Seiten mangelnde Perspektive und fehlende Lösungspläne für den Konflikt mit den Palästinensern vorgeworfen. Das hat nicht nur bei den breiten Massen zu Verunsicherung geführt. Dabei, so Israels bekanntester Schriftsteller Amos Oz, das moralische Gewissen der Nation, "wissen die meisten tief im Herzen, dass alles mit der Teilung des Landes enden wird". Er hoffe, sagte er bei der Vorstellung seiner Autobiografie, "dass alles gut enden wird." Doch sicher könne man dabei natürlich nicht sein.

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