Politik : Nahost Friedensgespräche: Mit Wutausbruch in die Verlängerung

Robert von Rimscha

Um 22 Uhr 52 am Mittwoch abend war Fiasko angesagt. "Der Gipfel ist ohne Einigung zu einem Ende gekommen", lautete eine lapidare Erklärung des Weißen Hauses. Nach neun Verhandlungstagen schien Camp David II beendet, vorbei, aus. Die Vorkehrungen für ein Scheitern waren längst getroffen. Bill Clinton musste sich, nach 21 Stunden Verzögerung, gen Japan aufmachen, um am G-8-Gipfel teilzunehmen. Den israelischen Journalisten, die mit Premier Barak nach Amerika gereist waren, hatte die Eigendynamik des Friedens ohnedies schon viel Kofferpackerei abgenötigt. Erst hieß es, Barak fliege um 20 Uhr nach Hause; um 17 Uhr 30 werde die Delegation Camp David verlassen.

Der Abflug wurde auf 22 Uhr verschoben. Kurz nach Mitternacht am Donnerstag morgen waren die Koffer wieder offen. "Wir dachten, es sei vorbei, aber wir haben herausgefunden, dass einfach niemand aufgeben wollte", beschrieb Clinton die Kehrtwende. Nach dem Verkünden des Scheiterns hatten Israelis und Palästinenser kalte Füsse bekommen. Clinton intervenierte ein letztes Mal. Barak und Arafat sagten zu, ohne den Präsidenten weiter zu verhandeln.

Die Bilder der Nacht stammen vom Auftritt Clintons vor der Weltpresse. Völlig übermüdet ringt sich der US-Präsident Worte ab, die der Dramatik nach neuntägigem Verhandlungsmarathon gerecht werden sollen. "Es sollte sich niemand Illusionen machen", meinte er. "Dies sind die härtesten Friedensgespräche, mit denen ich jemals etwas zu tun hatte." Die anderen Bilder, die nicht bewegten, stammen von den Kameras des offiziellen Fotografen des Weißen Hauses. Nur der hat Zugang zur Waldsiedlung Camp David draußen in den Bergen vor dem Städtchen Thurmont. Zweimal am Tag entscheidet Joe Lockhart, Clintons Pressesprecher, welche Aufnahmen die Welt zu sehen bekommt. Ein Helfer heftet die Abzüge dann an eine kleine Stellwand im Eingangsbereich der Grundschule von Thurmont, die als Pressezentrum dient.

Jene, die sich über die Fotos beugten, sahen einen Clinton im Sweatshirt seiner heimischen Football-Mannschaft. Vor allem aber ist es die Erschöpfung in den Augen der Verhandler, die auffällt. Clinton, Barak und Arafat hängen tief in ihren Stühlen. Mehr und mehr Fotos sind von hinten aufgenommen worden, weil sich der Fotograf nicht mehr näher herangetraut hat.

Und das mit Grund. Am Mittwoch, beim Haupt-Thema Jerusalem, ging es hoch her. Clinton wurde in Gesprächen mit beiden Delegationen scharf. Einmal, gegenüber Arafat, geriet er völlig aus dem Häuschen und setzte einen seiner legendären Wutausbrüche ein. Beide Friedenspartner hatten die Stimmung zuvor mit gegenseitigen Beschuldigungen angeheizt. Da war zunächst ein Brief Baraks auf Clintons Tisch geflattert, in dem der Premier sich beschwert, Arafat verhandele nicht in gutem Glauben. "Barak stellt ein Ultimatum", wisperten jene, die behaupten, Zugang zu Delegationsmitgliedern zu haben.

Arafat wollte beim Beschuldigen nicht ins Hintertreffen geraten und bezichtigte seinerseits Barak, weder kompromissbereit noch flexibel zu sein. Clinton bemühte sich den ganzen Tag über, die Situation zu entschärfen, indem er mehrere arabische Staatschefs anrief. Die sollten Druck auf Arafat machen: Camp David sei seine Chance.

"Damit kann ich nicht nach Hause!", soll Arafat Clinton beschieden haben. Ohne Ost-Jerusalem als seiner Hauptstadt gebe es keine Einigung. Aus dem Weißen Haus wurde später kolportiert, Clinton habe mit einer Gegenfrage reagiert: "Können Sie es sich leisten, ohne Einigung nach Hause zu gehen?" Barak und Arafat entscheiden, dass die Antwort Nein lautet.

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