Politik : Nahost-Gipfel: Ein bisschen Frieden ist schon viel (Leitartikel)

Christoph von Marschall

Auch der Tag des "Friedensgipfels" war wieder ein Tag der Gewalt im Nahen Osten mit Toten und Verletzten. Da wäre man schon erleichtert, wenn Ehud Barak und Jassir Arafat sich in Scharm el Scheich wenigstens auf das Minimum einigten: Weiterer Gewalt entschieden entgegenzutreten. Darf man überhaupt mehr erwarten nach den Lynchmorden, der Schändung von Synagogen und Moscheen, den neuen Aufwallungen des Hasses und der Rachegefühle? Gar eine Untersuchungskommission - wo doch die Palästinenser die USA für ebenso parteiisch halten wie Israel jene Länder, die Arafat vorschlägt?



Wäre es nicht besser, einzugestehen, dass manche Konflikte unlösbar sind? Dass es eine Illusion ist, Versöhnung sei überall möglich, wenn nur genug Geduld, gutes Zureden und finanzielle Hilfe investiert werden. Die Resignation wäre verständlich nach den erschütternden Bildern der letzten Tage. Fast vergessen scheint zu sein: Der Rückschlag kam unerwartet. Noch vor kurzem herrschte die umgekehrte Stimmung. Im Juli erhoffte die Welt in Camp David eine Lösung der letzten offenen Fragen für dauerhaften Frieden im Nahen Osten: Einen klaren Terminplan für den Abzug der Israelis aus den besetzten Gebieten und die Ausrufung des Palästinenserstaates sowie eine Kompromissformel für Jerusalem. Gewiss, Gastgeber Bill Clinton hatte die Hoffnungen auch aus Eigeninteresse genährt. Ihm läuft die Zeit davon, das Fenster der Gelegenheit, als Friedensstifter in die Geschichte einzugehen, schließt sich mit der Wahl seines Nachfolgers am 7. November. Aber Clinton hatte gute Argumente für seinen Optimismus. Die sich selbst nährende Dynamik des Erfolgs: Ein Fortschritt zieht den nächsten nach sich, jedes Entgegenkommen einer Seite eine Gegenleistung der anderen; der Erfolg hält auch die Radikalen in Schach.

Und die Jahre vor den jetzigen Unruhen waren eine konstruktive Zeit, trotz verschiedener Störmanöver. Der Abzug der Israelis aus den besetzten Gebieten kam voran, wenn auch schleppend. Die palästinensische Staatlichkeit rückte sichtbar näher. Arafat übernahm zunehmend Mitverantwortung für Israels Sicherheit. Der Ausbruch der Gewalt kam nicht nach einer frustrierenden Phase des Stillstands, sondern in einem Moment, bis zu dem sich Israelis und Palästinenser aufeinander zu bewegt hatten. Höhepunkt dieses Paradoxons: Noch nie hatte Israel den Palästinensern so weit reichende Angebote gemacht wie in Camp David. Gewiss, für Arafat war das noch immer zu wenig. Aber es war eine gute Ausgangsposition.

Warum dann die abrupte Wende in den Bürgerkrieg? Erstens war Camp David wohl wirklich eine Überforderung für beide Seiten. Und zweitens gibt es neben der sich selbst nährenden Dynamik des Erfolgs auch eine Spirale der Enttäuschung und des Misstrauens, in der jede Kränkung neue Verhärtungen nach sich zieht. Das ist der Augenblick, in dem die Radikalen wieder mehr Anhänger finden - wie jetzt. In Camp David waren die Zugeständnisse, die auf mehrheitliche Zustimmung rechnen durften, aufgebraucht. Es blieben nur noch die wirklich schmerzhaften Fragen, vor allem Jerusalem. Israelis wie Palästinenser hatten das Gefühl, so viel gegeben zu haben - und immer noch fanden die Zumutungen kein Ende. Da nimmt man es dem Gegenüber besonders übel, wenn es zu wenig gibt, wo der eigene Schmerz schon so groß ist - subjektiv gesehen.

Beide Seiten haben legitime Ansprüche: Die Palästinenser Anspruch auf den eigenen Staat mit der Hauptstadt Ost-Jerusalem und auf eine wirtschaftliche Perspektive. Denn dies ist auch ein sozialer Konflikt: Die erste und die dritte Welt leben Tür an Tür, Flüchtlingslager neben der Wohlstandsgesellschaft. Und geradezu unabweisbar ist Israels Anspruch auf Sicherheit - auch auf die Sicherheit, dass der Palästinenserstaat jeder Bedrohung Israels von sich aus entgegentritt. Jerusalem und der Nahe Osten: ein unlösbarer Konflikt?

"Unlösbar" ist kein Wort für die Ewigkeit. Auch der Nordirland-Konflikt war lange unlösbar. Im Moment mögen die Zumutungen des Friedens zu groß sein. Doch die Zumutungen des Bürgerkriegs sind es erst recht. Deshalb müssen Barak und Arafat wieder miteinander reden. Vorerst nur über ein Ende der Gewalt. Alles weitere braucht Zeit.

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