Nahost : Israelische Rechte empört über Schulbuch

Ein in Israel zugelassenes Schulbuch berücksichtigt beim Thema "Gründung des jüdischen Staates" erstmals auch die arabische Perspektive. Israelische Rechte sind entrüstet.

Tel AvivEin in Israel zugelassenes Schulbuch hat zur Gründung des jüdischen Staates erstmals auch die arabische Perspektive berücksichtigt. Die vor kurzem von Unterrichtsministerin Juli Tamir genehmigte arabische Version des Lehrbuchs für die 3. Klassen ("Zusammenleben in Israel") erwähnt, dass die Staatsgründung Israels im Jahr 1948, die mit der Vertreibung Hunderttausender palästinensischer Araber einherging, von den Arabern als "Katastrophe" (arabisch: nakba) wahrgenommen wird. Auf Seiten der israelischen Rechten löste diese Darstellung Entrüstung aus.

Das Lehrbuch stellt die Entwurzelung der Araber als Folge des israelischen Unabhängigkeitskrieges von 1948/49 dar, als fünf arabische Nachbarländer den neu gegründeten jüdischen Staat angriffen. Das Werk räumt dabei ein, dass "einige arabische Bewohner zu fliehen gezwungen waren und einige vertrieben wurden". Die Passage ist nur in der arabischen und nicht in der hebräischen Version des Buches enthalten. In Israel sind heute etwa knapp ein Fünftel der Einwohner ethnische Araber (Palästinenser).

Netanjahu: Größte Absurdität

Die Zulassung des Buches für den Unterricht in den arabischen Schulen in Israel rief empörte Reaktionen der Rechten hervor. Vize- Ministerpräsident Avigdor Lieberman von der ultra-rechten Partei Israel Beitenu (Unser Haus Israel) nannte die Entscheidung seiner Ministerkollegin einen "Reflex des politischen Masochismus der israelischen Linken". Oppositionsführer Benjamin Netanjahu vom rechten Likud sprach von der "größten Absurdität, die ein Unterrichtsminister des Staates Israel je begangen hat".

Tamir zeigte sich von der Schelte unbeeindruckt. Im Staat Israel habe auch die Sicht der arabischen Bürger ihren Platz. "Die arabische Öffentlichkeit verdient es, dass wir auch ihren Gefühlen Ausdruck geben", sagte sie.

Streitbare Ministerin

Die aus der linken Arbeitspartei kommende Ressortchefin scheut keine umstrittenen Entscheidungen. Im Dezember hatte sie erstmals Schulbücher zugelassen, die auch die Grenzen Israels von 1967 zeigen. Seit dem Sechs-Tage-Krieg vor 40 Jahren hält Israel das Westjordanland und die syrischen Golan-Höhen besetzt sowie den Gazastreifen unter Blockade.

Unerwartete Schützenhilfe erhielt die Ministerin von der konservativen Tageszeitung "Jerusalem Post". Das umstrittene Lehrbuch lege weniger die arabische Sicht dar, es öffne vielmehr den Schülern "die Augen für die israelische Geschichtsperspektive". Die Darstellung der "nakba" als "Preis für den Krieg", den die arabischen Staaten gegen Israel eröffnet hätten, "mag den Schülern helfen, Verzerrungen der Fakten zu verarbeiten, die sie aus ihrer Umgebung erfahren".

Diese Fakten sind bis heute umstritten. Unabhängige israelische Historiker haben erforscht, dass bereits vor Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges im Mai 1948 jüdische Freischärler-Truppen 300.000 bis 400.000 Araber vertrieben hatten. (mit dpa)

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