Politik : Nahost: Israels Armee besetzt palästinensische Stadt

Charles A. Landsmann

Israel hat sein Vorgehen gegen die Palästinenser weiter ausgeweitet. Panzer rückten in der Nacht zum Dienstag auf palästinensisches Gebiet im Gazastreifen und im Westjordanland ein. Damit kam es zu der Eskalation, die nach der Tötung des Chefs der zweitgrößten PLO-Gruppe Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP), Abu Ali Mustafa, befürchtet worden war.

Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon machte seine Drohung wahr und ließ seine Armee in die autonome palästinensische Kleinstadt Beit Jallah zwischen Bethlehem und Jerusalem einmarschieren. Der Einmarsch in Beit Jallah war durch einen Mehrheitsbeschluss per Telefonumfrage des israelischen Sicherheitskabinettes angeordnet worden. Am nächtlichen Vorstoß waren Panzertruppen, Infanterie und Fallschirmjäger beteiligt, die nur auf minimalen Widerstand stießen. Bei den wenigen Kampfhandlungen in Beit Jallah und Umgebung wurden ein palästinensischer Polizist getötet und zwölf verletzt.

Die israelischen Truppen drangen insgesamt 300 Meter tief in das palästinensische Autonomiegebiet - den so genannten A-Sektor - ein und hielten während des ganzen Tages "wichtige Stellungen" in Beit Jallah, von denen aus zuvor das Jerusalemer Außenviertel Gilo unter stundenlangen Beschuss genommen worden war. Scharon hatte vorletzte Woche erklärt, es werde kein Schuss mehr aus Beit Jallah gegen Gilo ohne eine heftige israelische Reaktion abgefeuert.

Im Laufe des Dienstags rückte die israelische Armee nach palästinensischen Angaben auch in das bei Beit Jallah gelegene Flüchtlingslager Aida ein. Bei diesem Vorstoß von Panzern und Infanterie wurde ein "Tanzim"-Kämpfer verwundet, während die israelische Armee die gesamten Kampfhandlungen ohne eigene Verluste überstand.

Der palästinensische Beschuss von Gilo hatte am Montag nach der Liquidierung von PFLP-Chef Abu Ali Mustafa in Ramallah eingesetzt. Dabei wurde ein israelischer Zivilist verwundet und mehrere Wohnungen sowie eine Synagoge beschädigt.

Die israelischen Truppen werden für eine noch unbekannte Anzahl von Stunden oder wenigen Tagen in Beit Jallah bleiben, verkündeten sowohl Armee- als auch Regierungssprecher. Scharons politischer Berater Dore Gold sprach von der Kleinstadt als einem "Heckenschützennest". Allerdings ist sowohl den christlichen Einwohnern als auch der israelischen Armee klar, dass diese Schützen nicht aus Beit Jallah stammen, sondern dass es sich dabei um moslemische "Tanzim"-Kämpfer aus der weiteren Umgebung handelt.

Der Erfolg der israelischen Militäraktion musste am Dienstagnachmittag als fragwürdig bezeichnet werden. Obwohl die Armee die fünf Gebäude besetzt hielt, aus denen auf Gilo geschossen worden war, wurde der Vorort Gilo zweimal von Beit Jallah aus ins Visier genommen. Unabhängige israelische Experten warnten unterdessen vor einer sich abzeichnenden Blamage: Sobald die Armee wieder abziehe, würden die Palästinenser Gilo unter besonders intensiven Beschuss nehmen - um zu beweisen, dass die Aktion der israelischen Armee wirkungslos geblieben sei.

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