Politik : Nahost: Kämpfer im weißen Kittel

Andrea Nüsse

Er wirkt wie eine elegante Miniaturausgabe seines Bruders. Klein und sehr feingliedrig ist Fathi Arafat, der im gestärkten weißen Hemd mit grüner Strickweste und eleganten schwarzen Schuhen in einer Sofaecke sitzt. Der graue Schnauzbart ist akkurat geschnitten, wo sein Bruder Jassir einen wilden Stoppelbart trägt. Doch der zarte Kopf zeigt die gleichen, etwas hervorstehenden Augen und die dicken Lippen. Wenn Fathi Arafat einen Satz beendet hat, schaut er seine Zuhörer genauso zufrieden lächelnd an wie sein Bruder. Der gelernte Kinderarzt Fathi Arafat ist Ehrenpräsident des Palästinensischen Roten Halbmondes, den er gegründet und jahrelang geleitet hat. Über die massive Behinderung der Arbeit seiner Organisation will Arafats Bruder in Amman sprechen, wo er seit Tagen festsitzt.

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Er war vor Beginn der israelischen Invasion in die autonomen Gebiete zur medizinischen Behandlung in die jordanische Hauptstadt gekommen. Natürlich wollen alle zunächst wissen, ob er Kontakt mit seinem Bruder hat, dessen Büro seit fünf Tagen von der israelischen Armee belagert wird. "Nein, ich konnte ihn bisher nicht erreichen", erklärt der Mann, der es gewohnt sein muss, im Schatten seines Bruders zu stehen. "Aber es wird ihm gehen wie allen anderen eingeschlossenen Palästinensern, und er wird weiter für die Rechte unseres Volkes kämpfen." Auf weitere politische Fragen will er sich nicht einlassen, obwohl er auch im Revolutionsrat der Fatah und im Zentralkomitee der PLO sitzt. Sein Thema ist die Arbeit des Palästinensischen Roten Halbmondes.

Es sei "einmalig in der Geschichte", wie die israelische Armee die medizinische Versorgung der Verwundeten in Ramallah behindere, klagt Fathi Arafat, der nach eigenen Angaben ständigen Telefonkontakt zur Westbank hat. Der jetzige Präsident der Organisation, Younes al-Khatib, sei am Dienstag zusammen mit acht weiteren Mitarbeitern des Roten Halbmondes von israelischen Soldaten aus einem Krankenwagen gezerrt, gefesselt und sieben Stunden lang festgehalten worden, erklärt er.

Die Männer seien auf dem Weg zu Verletzten gewesen, die sie um Hilfe gerufen hatten. Nach sieben Stunden seien sie auf einer Straße nahe einer jüdischen Siedlung ausgesetzt worden. Seit Ausbruch der Intifada seien sechs Ärzte getötet, 138 Mitarbeiter verwundet und 70 Krankenwagen beschädigt worden.

Den israelischen Vorwurf, Krankenwagen würden zum Transport von Waffen oder Selbstmordattentätern genutzt, wies Fathi Arafat von sich. Der Palästinensische Rote Halbmond arbeite seit 35 Jahren problemlos mit dem Internationalen Roten Kreuz zusammen, das bei den israelischen Militärs Durchfahrtgenehmigungen für palästinensische Krankenwagen aushandele und die Wagen auch kontrolliere. Dies sei der beste Beweis dafür, dass die Vorwürfe nicht zu halten seien.

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