• Nahost-Konflikt: "Barak hat noch eine Chance" - Ein Gespräch mit dem Geschäftsträger der israelischen Botschaft, Mordechay Lewy

Politik : Nahost-Konflikt: "Barak hat noch eine Chance" - Ein Gespräch mit dem Geschäftsträger der israelischen Botschaft, Mordechay Lewy

Herr Lewy[in den Friedensprozess kommt offenbar w]

Mordechay Lewy leitet seit vier Monaten die Botschaft Israels als Geschäftsträger. Der 1948 in Israel geborene Lewy ging von 1958 bis 1963 in Berlin zur Schule, wohin er 1991 als Generalkonsul zurückkehrte. Bis 1994 baute er von Berlin die Kontakte zu den Neuen Ländern aus. Lewy wird im Januar von Botschafter Schimon Stein ersetzt, bleibt aber weiter im neuen Botschaftsgebäude tätig.



Herr Lewy, in den Friedensprozess kommt offenbar wieder Bewegung. Worauf könnten neue Gespräche aufbauen?

Es gibt zumindest zwei Ergebnisse, hinter die wir nicht mehr zurückkönnen. Das eine ist die Entwicklung der PLO von einer Terrororganisation zu einem politischen Gesprächspartner. Zum Zweiten ist der Traum von einem Großisrael endgültig geplatzt. Alles andere hängt im Moment weniger von der Frage ab, wer nächster Premierminister wird, sondern davon, was die Palästinenser tun werden. Solche Gewalt wird sich kein israelischer Politiker bieten lassen.

Was erwartet Israel von Arafat?

Dass er die Vereinbarungen von Scharm-Al-Scheich einhält. Ob er es tut, hängt davon ab, ob man ihn überzeugen kann, dass der Weg der Gewalttätigkeit eine Sackgasse für ihn ist. Die Unruhen haben die Palästinenser nicht weiter gebracht. Die Offerte, die Arafat in Camp David II gemacht worden ist, ist die weitestgehende in der Geschichte des Konflikts. Ich weiß nicht, ob sie in dieser Form wiederholt werden kann.

War der Rückzug aus dem Libanon vielleicht ein strategischer Fehler, das falsche Signal?

Arafat und andere haben den Rückzug als Zeichen der Schwäche missverstanden. Das Beispiel der Hisbollah und auch Saddam Husseins scheint noch immer große Faszination auf viele Palästinenser auszuüben.

Muss man jetzt wieder zurück zur Friedenspolitik der kleinen Schritte?

Es ist denkbar, dass man wieder graduell vorgehen wird. Allerdings sind Probleme wie Jerusalem heute sehr viel komplizierter geworden. Vor Camp David wären sie in einem politischen, lokalen Rahmen zu lösen gewesen. Heute, nachdem Arafat die religiöse Karte gespielt hat, wird das viel schwieriger. Er hat die Jerusalem-Frage an die gesamte arabisch-muslimische Welt als Entscheidungsgremium vergeben. Das erschwert es, einen Kompromiss zu finden.

Stehen die Israelis noch hinter Baraks neuem Anlauf zu einer Friedenslösung?

Die Befindlichkeit der Israelis ist nicht gut, vor allem, weil sie sich in ihrer persönlichen Sicherheit angegriffen fühlen. Die Forderung der israelischen Staatsbürger an ihre Regierung ist, diese Sicherheit wieder herzustellen. Die Störung der Sicherheit ist bewusst von den Palästinensern betrieben worden, und ich glaube, dass hier auch die Darstellung in den deutschen Medien sehr verkürzt war. Man spricht immer von israelischen Reaktionen aber nicht von den Initiatoren auf der palästinensischen Seite. Wenn ich die Meinungsumfragen richtig lese, gibt man Ministerpräsident Barak immer noch eine große Chance, vorausgesetzt, dass er ein Friedenspaket schnüren kann.

Durch den Aufstand der israelischen Araber kommt jetzt noch ein internes Problem dazu.

Es zeigt aber auch, dass die israelischen Araber verstanden haben, dass man manchmal als sektoriale Gruppe mit Druck in der israelichen Politik seine Interessen durchsetzen kann. Sie bewegen sich in der israelischen Öffentlichkeit heute viel professioneller als noch vor zehn Jahren.

Die israelischen Araber fordern aber auch wirkliche Gleichheit innerhalb Israels.

Da müssen wir unsere Hausaufgaben noch machen. Aber solange der Konflikt noch schwelt, werden Israels Araber ein Identitäts- und Loyalitätsproblem haben.

Wann kommt Schimon Stein, der neue israelische Botschafter, nach Berlin?

Er kommt im Januar und wird mit uns im neuen Botschaftsgebäude in der Auguste-Viktoria-Straße arbeiten. Wir sind gerade in das von Orit Willenberg-Giladi gestaltete Gebäude umgezogen, das eine israelische Zeichensetzung in der Berliner Landschaft ist: Wir sind da!

Wie sehen Sie Ihre Zeit als Geschäftsträger?

Ich hatte mir nicht vorgestellt, dass die vier Monate so intensiv werden würden. Zum Teil lag es natürlich an den Entwicklungen in Israel. Aber auch der Antisemitismus ist offener zu spüren. Viele Briefschreiber scheuen sich heute nicht mehr, antiisraelische und antisemitische Äußerungen mit vollem Namen zu unterschreiben.

Müssen sich Juden und Israelis heute in Deutschland bedroht fühlen?

Wenn es heute Ausschreitungen gegen Juden oder jüdische Einrichtungen gibt, weiß man nicht, ob es aus der rechtsextremen oder aus der nahöstlichen Ecke kommt. Das ist eine sehr gefährliche Mischung.

Haben sich Befürchtungen erfüllt, dass ein von Berlin aus regiertes Deutschland machtbewusster ist als die Bonner Republik?

Man erlebt es noch nicht. Ich glaube aber, die Weichen dafür sind gestellt. Aber das ist ja nicht nur ein Risiko, sondern auch eine Chance. Man sollte Deutschland nicht die Möglichkeit verwehren, nationale Interessen zu formulieren, wenn sie in den europäischen Rahmen eingebettet werden.

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