Nahost-Konflikt : Die Kinder lachen über die Raketen

Feleknas Uca ist Abgeordnete der Linkspartei im Europaparlament und war am Sonntag für einige Stunden im Gazastreifen. Im Interview mit dem Tagesspiegel schildert sie ihre Eindrücke aus dem Kriegsgebiet.

Martin Gehlen
Uca
Feleknas Uca -Foto: EP

Sie waren mit sieben weiteren Europaabgeordneten letzten Sonntag während der offiziellen Feuerpause für zwei Stunden im Gazastreifen. Wie sind sie reingekommen?



Wir wurden vorab informiert, dass sich die israelische Seite mit allen Mitteln dagegen sträubt, dass wir die Grenze überqueren. Wir sind trotzdem von Kairo nach Rafah gefahren und haben dort gewartet. Kurz nach Beginn der Waffenruhe erschien plötzlich ein UN-Fahrzeug auf palästinensischer Seite und hat uns abgeholt.

Was haben Sie gesehen?

Wir sind direkt in die Stadt Rafah im Gazastreifen gefahren. John Ding, der Chef des UN-Flüchtlingshilfswerks Unwra, hat unseren Konvoi begleitet. Wir waren gerade dabei, ein total zerstörtes Wohnviertel anzusehen, da schlug in etwa 1000 Meter Entfernung eine Rakete ein. Das war noch während der Feuerpause. Über unseren Köpfen machten die ganze Zeit israelische Kampfjets Kontrollflüge. Wir haben dann die Jungenschule von Rafah besucht, wo die Vereinten Nationen 1250 Zivilisten untergebracht haben und betreuen, darunter 400 Kinder.

Wie ist die Lage der Menschen?

Es kommen kaum Hilfsgüter rein. Die Kinder waren alle barfuß, die Mütter waren vollkommen fertig, viele haben geweint. Mit einer Mutter habe ich gesprochen. Sie hat mir unter Tränen gesagt, sie habe in der letzten Woche zwei ihrer Kinder verloren. Die Infrastruktur ist total zerstört. Alles, was mit Geldern der EU aufgebaut worden ist, ist kaputt. Die Ärzte arbeiten rund um die Uhr und kommen bei den vielen Verletzten nicht mehr mit. Während wir in der Schule mit den Menschen sprachen, schlug eine zweite Rakete in unserer Nähe ein - wieder während der Feuerpause.

Wie haben Sie und die Menschen reagiert?

Mich hat die Reaktion der Kinder auf die Raketen sehr irritiert. Sie haben nur gelacht. Das zeigt mir, dass die Kinder durch die Bombardierungen auch seelisch sehr angeschlagen sind. Wir selbst waren in Panik und wollten sofort zurückfahren. Auf dem Rückweg kamen zwei Kampfjets direkt auf uns zu. Über unseren Köpfen wurden Leuchtraketen abgeschossen. Wir sind dann alle auf die ägyptische Seite gerannt. Kaum waren wir drüben angekommen, schlug direkt an der Grenze keine 250 Meter hinter uns eine dritte Rakete ein. Wir standen alle unter Schock.

Wer war mit in der Delegation?

Wie waren acht Abgeordnete des Europäischen Parlaments, vier aus der linken Fraktion, ein Sozialdemokrat, zwei Grüne, ein Liberaler sowie ein Senator aus Italien.

Feleknas Uca (32) stammt aus Celle in Niedersachsen und ist seit 1999 Abgeordnete der Linkspartei im Europaparlament. Das Gespräch führte Martin Gehlen.

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