Politik : Nahost-Konflikt: "Erschießen wir einen Israeli, verlieren wir 100"

Andrea Nüsse

Sari Nusseibeh versteht die Aufregung nicht. Alles, was er heute sagt, hat er bereits 1991 in seinem Buch "No trumpets, no drums" geschrieben. Doch Bücher liest niemand, schon gar nicht in einem nationalen Befreiungskampf. Mehr Aufmerksamkeit ist des 53-jährigen palästinensischen Philosophie-Professor heute auch sicher, weil er nicht als Akademiker und Direktor der Al-Quds-Universität in Ost-Jerusalem spricht, sondern als offizieller Vertreter der Palästinenser: Er ist seit Oktober 2001 der neue PLO-Beauftragte für Jerusalem, der Nachfolger des verstorbenen Faisal Husseini.

Begonnen hat die Debatte mit einem Artikel Nusseibehs zum Thema Flüchtlinge. Darin macht Nusseibeh klar, dass die Forderung nach einem unabhängigen palästinensischen Staat eine Rückkehr der vier Millionen Flüchtlinge ins heutige Israel ausschließt. Für viele Palästinenser hat der Neu-Politiker damit eine zentrale palästinensische Forderung über Bord geworfen, ohne dass Israel eine Gegenleistung erbracht hat. Dies kommt in Zeiten, in denen es eigentlich nur noch darum geht, den anderen zu demütigen, einem Verrat gleich. Nusseibeh sieht das anders. "Ich denke nur konsequent zu Ende, was es bedeutet, wenn wir Palästinenser einen unabhängigen Staat neben Israel fordern. Wenn dies unsere nationale Forderung ist, können wir nicht gleichzeitig auf individueller Basis das Rückkehrrecht der Flüchtlinge ins heutige Israel fordern. Auch wenn beides heilige Prinzipien sind - sie sind in der Praxis unvereinbar." Seine Lieblingslösung, die der Philosoph als moralisch und gerecht empfindet, sähe ganz anders aus. Er wünscht sich einen einzigen Staat, in dem Israelis und Palästinenser gleichberechtigt miteinander leben. "Doch das will auf beiden Seiten niemand. Nur haben sich die Palästinenser bisher nicht wirklich klar gemacht, was eine Zwei-Staaten-Lösung wirklich bedeutet." Diesen Vorwurf macht er vor allem der Führung. Die Politiker sollten aufhören, die Flüchtlingsfrage zum Stimmenfang zu nutzen. Offensichtlich hat Nusseibeh nicht das Gefühl, zu dieser Palästinenserführung wirklich dazuzugehören. "Ich sehe sie öfter, ich arbeite für sie." Anders als anderen Politikern ist es Nusseibeh auch egal, wie viele Palästinenser er hinter sich hat: "Ich will nicht gewählt werden."

Die Überzeugungsarbeit vor Ort müssen andere für den Intellektuellen übernehmen. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Husseini hat er wenig Kontakt zum Volk, er verfügt über keine Hausmacht. Die israelische Zeitung "Haaretz" bezeichnete den vermögenden Nusseibeh, der mit einer Engländerin verheiratet ist, als "palästinensischen Aristokraten". Möglicherweise misstraut der "Aristokrat" seinem Volk sogar. Denn er fordert die völlige Demilitarisierung eines zukünftigen Staates Palästina auch aus dem Grund, dass ein Missbrauch von Waffen den Israelis nur Vorwände liefern würde, militärisch gegen diesen Staat vorzugehen.

Obwohl der in Oxford und Harvard studierte Professor zum Liebling des Westens wurde, macht er sich keine Illusionen über die mögliche internationale Unterstützung für die Palästinenser: "Ich habe nie an die Hilfe Europas oder der USA geglaubt, daher bin ich auch nicht enttäuscht. Unsere Wählerschaft ist das israelische Volk." Das Argument, mit dem israelischen Premierminister Ariel Sharon seien Friedensverhandlungen unmöglich, lässt Nusseibeh nicht gelten. Wenn das israelische Volk Druck auf die Regierung ausübe, müsse diese darauf eingehen. "Wenn wir mit einem Israeli reden, gewinnen wir 100 Israelis. Wenn wir auf einen Israeli schießen, verlieren wir 100."

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