Nahost-Konflikt : "Es gibt keinen sicheren Platz mehr in Gaza"

Kein Essen, kein Strom, kein Wasser und Beschuss rund um die Uhr. Der Direktor eines Krankenhauses in Gaza-Stadt schildert gegenüber dem Tagesspiegel die humanitäre Lage in Gaza - sie ist katastrophal.

Martin Gehlen,Annette Kögel

RafahMenschen sägen Bäume ab, um etwas kochen zu können. Die meisten Handys funktionieren nicht mehr, weil sie nicht mehr aufgeladen werden können. "Die Israelis bombardieren alles - Häuser, Straßen, Geschäfte", sagte Hassan Khalaf, Direktor des Schifa-Krankenhauses in Gaza-Stadt, dem Tagesspiegel. Sein Hospital ist mit rund 600 Betten das größte des Gazastreifens. Laut Khalaf nimmt die Zahl der Opfer unter der Zivilbevölkerung zu. 20 Prozent der Getöteten und 40 Prozent der Verwundeten seien Frauen und Kinder. "Es gibt keinen sicheren Platz mehr in ganz Gaza. Wir sind durch den Beschuss aus der Luft, am Boden durch Panzer und von See aus bedroht."

Am Morgen sei ein Gemüsemarkt getroffen worden, wo sich die Menschen mit dem Nötigsten versorgen wollten, sagte Khalaf. "Innerhalb von zwei Stunden wurden 42 Verletzte eingeliefert." Die Hilfe fließe nur sehr langsam. "Wir bekamen einige Sendungen vom Roten Kreuz, auch arbeiten zwei Ärzte aus Norwegen und einer aus Amerika hier." Aber man brauche viel mehr. Auch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz erklärte, man sei "besorgt über die wachsende Zahl von zivilen Opfern und zivilen Gebäuden, auch Kliniken, die zerstört werden". Der Grenzübergang Rafah zwischen dem Gazastreifen und Ägypten wurde am Montag erst um 15 Uhr geöffnet. Denn bis zum Mittag bombardierten israelische Kampfflugzeuge den Grenzkorridor, um weitere der dort verlaufenden rund 800 Schmuggeltunnel zu zerstören. Ein Teil der Tunnel zwischen der ägyptischen und palästinensischen Seite funktioniert aber offenbar noch.

Hilfe kommt viel zu langsam

"In den Geschäften gibt es nichts mehr", sagte Ranhi Ghanam, Mitarbeiter des UN-Hilfswerkes UNWRA im palästinensischen Flüchtlingslager Rafah. Ähnliches berichtete Marwan Bashir aus dem Flüchtlingslager Deir Al Balach. Während des Telefonates mit ihm waren heftige Schusswechsel zu hören. 1000 Lastwagen mit Lebensmitteln und Medikamenten braucht der Gazastreifen pro Tag, schätzte Khalil Abu Fuhla, Arzt im Al-Quds-Krankenhaus in Gaza-Stadt, das dem Roten Halbmond gehört. Am Montag ließ Israel nach Angaben eines Militärsprechers durch den Übergang Kerem Schalom einen Konvoi mit 80 Lkw mit humanitären Hilfsgütern aus Jordanien, Ägypten und von den Vereinten Nationen. Der Arzt Khalil Abu Fuhla sagte aber, dies sei ein Tropfen auf den heißen Stein. "Wegen der Stromausfälle funktionieren viele medizinische Geräte im Hospital nicht mehr. Wir bekommen praktisch keine Hilfe von außen - abgesehen von einer kleinen Ladung mit Medikamenten aus Ägypten." Alles gehe viel zu langsam. Auch Olivier Falhun, der von Jerusalem aus die "Ärzte ohne Grenzen" koordiniert, kann die Kollegen oft "per Handy und E-Mail nicht erreichen".

"Wir fordern dringend einen freien Zugang in den Gazastreifen für humanitäre Hilfe", sagte Achim Reinke von Caritas Deutschland-Luxemburg. Man wolle zusammen mit Caritas Jerusalem weiter chirurgisches Besteck und Medikamente liefern. Das Caritas-Gesundheitszentrum liegt in Gaza-Stadt im "Al Shati Camp". Zudem arbeite man mit sechs Gesundheitsposten zusammen, die je 1500 Menschen versorgen können. Care International hat 18 Helfer vor Ort. Vor ein paar Tagen konnten lang erwartete Medikamente geliefert werden, sagte Sprecher Thomas Schwarz. Doch die Hilfe reiche nicht, da die Menschen auf den Krankenhaustreppen sterben. "Wir brauchen eine Schneise der Humanität", forderte der Care-Sprecher - wie auch World Vision, das Internationale Komitee vom Roten Kreuz sowie der Verein Terra Tech.

Spendenkonten (Auswahl): DRK: Konto 41 41 41, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00, Stichwort: Nahost. Caritas International Freiburg, Ktnr. 202, BLZ 660 205 00, Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe, "Kriegsopfer Palästina". Diakonie: Konto 502 707, Postbank Stuttgart, BLZ 600 100 70, Stichwort Naher Osten, Terra Tech Förderprojekte e.V., Konto 44440, Sparkasse Marburg-Biedenkopf, BLZ 533 50000, "Gaza". Care Deutschland, Ktnr. 44040, Sparkasse Köln Bonn, BLZ 370 50 198, "Gaza".

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