Politik : Nahost-Konflikt: Israelische Panzer rücken in die Westbank ein - elf Tote

Andrea Nüsse[Charles A. Landsmann]

Während die ganze Welt auf New York und Washington starrte, holte die israelische Armee zu einem großen Schlag gegen die autonome palästinensische Westbank-Stadt Jenin und deren Umgebung aus, die als Hochburg der islamistischen Selbstmord-Attentäter gilt. Nach heftigsten Schusswechseln meldeten die Palästinenser am Mittwochmorgen nicht weniger als elf eigene Tote und rund 50 Verletzte. Israel mochte diese Zahlen nicht zu bestätigen, wohl aber die Tatsache, dass sich unter den Toten örtliche und regionale Kommandanten islamistischer Terrorzellen befinden.

Zentrum der Kämpfe war die Kleinstadt Arabeh bei Jenin, wo zwei Kommandanten des "Islamischen Jihad" und einer ihrer Helfer getötet, zwei weitere Kommandoangehörige festgenommen wurden und drei verletzt flüchten konnten, als israelische Armeeeinheiten - Panzer, Schützenpanzer und Infanterie - ins palästinensische Autonomiegebiet, Sektor A, eindrangen um gesuchte Verdächtige festzunehmen.

Hochgestellte palästinenesische Persönlichkeiten, allen voran Jassir Arafats Sprecher Nabil Abu Rudeinah, beschuldigten Israel, die Lage nach den Anschlägen in den USA auszunützen um "Verbrechen gegen das palästinensische Volk zu verüben". Die Palästinenser wurden durch die konzertierte israelische Attacke nicht grundsätzlich überrascht, wohl aber von der Tatsache, dass diesmal nicht einfach leerstehende Polizeigebäude bombardiert wurden, sondern die Israelis mit Bodentruppen an mehreren Orten gleichzeitig gezielt gegen ausgesuchte Personen vorgingen.

Nach längeren Beratungen beschloss Arafat, seinen für Mittwoch geplanten Besuch in Damaskus zu verschieben. Zwar hätte die Visite in Syrien historischen Charakter als Symbol für die syrisch-palästinensische Aussöhnung haben sollen. Doch erinnerten sich auch die palästinensische Führung daran, dass auch Syrien nach wie vor auf der amerikanischen Liste der den Terror fördernden Staaten steht. Allerdings hätte Arafat ohnehin nicht nach Damaskus fliegen können, da er dazu keine israelische Erlaubnis erhalten hätte.

Bereits bei einem Besuch Arafats im Frühsommer in Kairo war in den israelischen Medien darüber diskutiert worden, ob man dem Palästinenserführer die Rückkehr nach Palästina verwehren solle. Die palästinensische Autonomiebehörde ist daher peinlichst darauf bedacht, keinen Vorwand für Repressalien zu liefern. So dementierte der Gouverneur von Nablus Presseberichte, nachdem Palästinenser in der West-Bank die Angriffe in New York und Washington gefeiert hätten. Es habe lediglich eine Demonstration gegen den Einmarsch der israelischen Armee in die autonome Stadt Jenin gegeben, teilte er am Mittwoch mit.

Israels Außenminister Peres verstärkte unterdessen den Druck auf Arafat. Er forderte den Palästinenserpräsident am Mittwoch auf, "die Seite des Terrors" umzublättern. Er sprach von einem "Test für Arafat", was auch darauf hindeutet, dass es zukünftig möglicherweise nicht dabei belassen wird, Arafat verbal persönlich verantwortlich für Anschläge in Israel zu machen. Israel bezeichnet allerdings auch den Widerstand gegen die israelische Armee in den besetzten Gebieten als Terror.

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