Politik : Nahost-Konflikt: Stadt der Selbstmord-Attentäter

Charles A. Landsmann

Es war alles andere als ein Überraschungsangriff. Israels Armee und die Massenmedien hatten nach dem Terroranschlag vor einem Café in Kiryat Motzkin mit Berichten über Jenin, das "Gewächshaus für Selbstmord-Attentäter", jedermann auf das Ziel der Militäraktion hingewiesen. Am Montagnachmittag wurden demonstrativ Panzertruppen rund um diese nördlichste Stadt der Westbank zusammengezogen.

Die offiziellen palästinensischen Stellen riefen höchste Alarmbereitschaft aus, palästinensische Truppen bezogen Stellung, und alle öffentlichen Gebäude, insbesondere der Sicherheitskräfte, wurden geräumt. Mit Beginn des israelischen Vormarsches zu mitternächtlicher Stunde wurden die Einwohner von der Stadtverwaltung aufgerufen, auf die Straße zu gehen und mit ihren Körpern die Stadt zu verteidigen.

Dann rollten zehn Panzer und zwei Bulldozer in die Stadt. Sie zerstörten das örtliche Polizeihauptquartier und drangen in den Gouverneurssitz ein, ohne auf nennenswerten Widerstand zu treffen. Gegen Dienstagmorgen zogen sich die israelischen Truppen zurück, ohne Verluste erlitten zu haben. Bei den Palästinensern wurden zwei Polizisten leicht verletzt.

Beide Seiten fühlten sich anschließend als Sieger. Tausende Einwohner in den Straßen von Jenin und die palästinensischen Massenmedien feierten diesen Rückzug als "Triumph der Helden des palästinensischen Kampfes". Doch es wurden auch kritische Stimmen laut, die auf den letztlich geringen und vor allem erfolglosen Widerstand hinwiesen, der es den Israelis erlaubt habe, ihre Pläne reibungslos umzusetzen.

Der Anschlag auf Jenin geschah nach Einschätzung höchster politischer Kreise in Israel ganz gezielt. Die Botschaft: Israel habe den von Jenin ausgehenden Terror über. Die Stadt sei ein "Schlangennest der Selbstmörder" gewesen. Tatsächlich gingen in den letzten drei Monaten nicht weniger als neun große Selbstmordattacken von der Stadt und deren Umgebung aus, die früher als verhältnismäßig ruhig gegolten hatte.

Die Attentäter wurden ganz offensichtlich mehr einer ideologischen Gehirnwäsche unterzogen als militärisch auf ihr Selbstmord-Kommando vorbereitet. So zeigte der Attentäter in Kiryat Motzkin Sekunden, bevor er sich in die Luft sprengte, stolz einer hübschen Kellnerin das Sprengstoffpaket, das er um die Brust gebunden trug. Ein vor Ausübung gefasster Attentäter in Haifa gestand, dass er sich gar parfümiert habe, um den ihm im Paradies versprochenen schönen Jungfrauen imponieren zu können.

Fast alle Anschläge gingen auf das Konto der extremistischen Terrorgruppe "Islamischer Dschihad" (Heiliger Krieg) unter ihrem neuen regionalen Kommandanten Muhamed Noursi Tavalbah. Er hat im April die Nachfolge von Iyad Khardan angetreten, der von Israel mit einer Explosion in einer von ihm benützten Telefonzelle in Jenin getötet worden war.

Aber nicht nur der "Islamische Dschihad", sondern auch die mit ihm konkurrierende islamistische Hamas bediente sich in der letzten Zeit im "Selbstmörder-Reservoir" von Jenin. So wurde das letzte geglückte Groß-Attentat, der Anschlag auf das Sbarro-Fastfood-Restaurant in Jerusalem, bei dem Ende letzter Woche 15 Personen ums Leben kamen, ebenfalls von einem Täter aus der Nähe von Jenin verübt.

Dabei fällt auf, dass die vom "Islamischen Dschihad" verübten Anschläge praktisch alle verhindert wurden oder missglückt waren. Mehrfach, wie zuletzt in Kiryat Motzkin, kamen nur die Selbstmordattentäter ums Leben, während Israelis nur leicht verletzt wurden. Das liegt zum einen an der Unprofessionalität des palästinensischen Bombenbaus, der zu vorzeitigen Explosionen führte - und an taktischem Fehlverhalten der einzelnen Attentäter.

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