Nahost-Konflikt : Warten auf die Bomben

Die israelische Armee hat am Mittwochabend über dem palästinensischen Teil von Rafah Flugblätter abgeworfen und die Bewohner aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Der Streifen mit den Tunneln soll intensiv bombardiert werden. Über das Leben im Kriegsgebiet.

Martin Gehlen

RafahNahe der Grenzmauer steht ein gelbes Feuerwehrfahrzeug. Daneben ein schwerer Tanklaster, der das Wasser zum Löschen geladen hat. Vier Männer vertreten sich am Morgen verschlafen die Füße. Wasserleitungen gibt es in diesem Teil des ägyptischen Rafah nicht, in schmalen sandigen Gassen reihen sich die einstöckigen Betonhäuser. Viele Bewohner waren in der letzten Nacht nicht zuhause. Denn am Vorabend hatte die israelische Armee über dem palästinensischen Teil der Stadt die Bewohner mit Flugblättern aufgefordert, bis Donnerstag früh um acht Uhr ihre Häuser zu verlassen. Die Tunnelregion, durch die seit Jahren Lebensmittel und Waffen, Benzin und Autoteile, aber auch Menschen und Tiere nach Gaza gelangen, soll in den nächsten Tagen offenbar ein für allemal zerbombt werden.

50 Meter entfernt von der Steinbarriere, die Ägypten von dem Gazastreifen trennt, wohnt der 41-jährige Sami. Seine Familie lebt vorübergehend bei der Schwiegermutter. Im Haus zeigt er die Risse, die tags zuvor die Druckwelle einer Riesenbombe hinterlassen hat. Der Feuerball war kilometerweit zu sehen, die Erde bebte. Offenbar setzt Israel gegen die bis zu 15 Meter tiefen Stollen einige seiner neuen Bunker brechenden Bomben ein, die man vor zwei Monaten in den USA für einen Angriff auf die iranischen Atomanlagen gekauft hat.

Trotz der Warnung herrscht geschäftiges Treiben

Von einem der Hausdächer aus sind die Tunnelausgänge auf der palästinensischen Seite gut zu sehen. Über jedem Schacht steht ein weißes Hauszelt, manche so groß, dass ein ganzer Lkw hereinpasst. Von Ferne gleicht der rund vier Kilometer lange Streifen einem gut organisierten Campingplatz. Trotz der israelischen Warnung herrscht auch an diesem Morgen geschäftiges Treiben, beobachtet von einem Soldaten, der sich vorne auf dem weißen Wachturm der ägyptischen Armee langweilt.

"Wenn man die Palästinenser so einsperrt, muss man solche Tunnel haben", sinniert Sami. Er sieht dem Bombenhagel gelassen entgegen. "Das alles wieder aufzubauen, das kriegen wir hin", sagt er bei einem Glas Tee im Haus seiner Nachbarin Umm Khairy. Als junger Mann hat er zwei Jahre in Tel Aviv gearbeitet und führt stolz einige Brocken Hebräisch vor. Doch am 24. April 1982 war Schluss, ein Einschnitt in seinem Leben, dessen Datum er bis heute genau weiß. An diesem Tag endete der Rückzug Israels aus dem Sinai, wie er im Friedensvertrag von Camp David vereinbart wurde. Fortan trennte eine Grenze den jungen Ägypter aus Rafah von seinem betagten Patron Karol, einem rumänischen Juden. Der hatte selbst keine Kinder und habe ihn behandelt wie seinen eigenen Sohn. Einmal ist er sogar nach Rafah gekommen und hat "Sohn Sami" gesucht, als der einige Tage ausgeblieben war. Auch finanziell sei es ihm damals besser gegangen, sagt er, während er sich die nächste Zigarette anzündet. "Ich weiß nicht, ob Karol noch lebt, aber wenn er wieder hier zu Besuch käme, ich würde ihn behandeln wie meinen Augapfel."

Sami schimpft: "Abbas ist ein Lakai der Israelis"

Das Fenster des Wohnzimmers der 60-jährigen Umm Khairy ist bereits Anfang des Krieges herausgeflogen, jetzt wird es durch ein oranges Stück Plastikplane ersetzt. In der letzten Nacht hat ein Bombensplitter von drüben den schwarzen Wassertank auf dem Dach aufgerissen und Teile des Hauses geflutet. Plötzlich klingt Samis Handy. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht in der Stadt, die Hisbollah habe Israel im Norden mit Raketen beschossen. Sami klatscht in die Hände, die anderen im Raum stimmen mit freudigem Geschnatter ein - der libanesische Hisbollah-Chef hat auch in Ägypten seine Anhänger. Mit zwei Knopfdrücken hat Sami seinen Cousin Abu Amgad auf der palästinensischen Seite am Telefon und schreit mit sich überschlagender Stimme die Botschaft nach drüben. Er ist ganz auf dem Häuschen, Hassan Nasrallah - endlich tut mal einer was. "Abbas ist ein Lakai der Israelis und sitzt bei ihnen auf dem Sofa", schimpft er. Kurze Zeit später jedoch bestreitet die Hisbollah, mit dem Angriff auf den Norden Israels etwas zu tun zu haben.

Draußen auf der Straße riecht es nach Diesel. Am Rand neben einem geparkten Auto ist ein kurzes Stück der blau-roten Pipeline zu sehen, die aussieht wie ein überdimensionierter Gartenschlauch. Hinter der Mauer steht die Pumpstation, die rund um die Uhr arbeitet. Ein Teil der Vorratstanks sind noch voll, die anderen werden gerade nachgefüllt. Der Nachschub kommt aus einem geschlossenen weißen Lieferwagen mit eingebauten Großtanks, der als Lebensmitteltransporter getarnt ist. Der breite Zugang zum Hof ist lediglich mit einem rot gemusterten Tuch verhängt, kein Tor, kein Schloss, nichts. Hier gibt es offenbar nichts zu verbergen, alle wissen Bescheid, auch wenn sich mehrere junge Männer damit brüsten, sie würden von der Polizei gesucht und seien wegen Schmuggels in Abwesenheit zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Sechs Leute betreiben gemeinsam diese Open-Air-Pumpstation, ihren gemeinsamen Monatsverdienst geben sie mit umgerechnet 1500 Euro an. Andere verdienen offenbar wesentlich mehr und kurven neuen japanischen Autos durch die Stadt. 1000 Euro kostet eine Kalaschnikow, erklärt der Fahrer eines silbernen Mitsubishi Lancer. Das Gewehr liegt offen auf dem braunen Fellbezug seines Beifahrersitzes. Dieses hier habe es für sich gekauft, sagt er, "die da drüben haben genug Waffen".

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