Politik : Nahost-Konflikt: Wortsalven und Vergeltungsschläge

Charles A. Landsmann

Israels neuer Regierungschef Ariel Scharon lässt seinen klaren Worten sofort Taten folgen. Kaum hatte der bullige Ex-General den eigenen Bürgern versprochen, er habe einen "sehr klaren Plan" für den Kampf gegen den Terror, als auch schon Raketengeschosse gegen palästinensische Ziele abgefeuert wurden. Am Dienstag beschoss die israelische Armee eine palästinensische Polizeistation mit Boden-Boden-Raketen. Ein Marinearzt wurde getötet, 20 Personen erlitten Verletzungen.

Zuvor hatte Scharon am Dienstagmorgen die in den letzten Tagen mehrfach aus dem Gaza-Streifen von den Palästinensern unter Mörserbeschuss genommene Armee-Basis Nahal Oz beim gleichnamigen grenznahen Kibbuz besucht. Dort hatte er versichert, dass er "die Sicherheit wiederherstellen" werde. Sobald sein klarer Plan umgesetzt sei, werde es soweit sein. Doch wie Scharons Plan im Detail aussieht, wissen - wenn überhaupt - nur seine engsten Berater. Die Öffentlichkeit, von der Scharon "etwas Geduld" verlangte, muss sich mit Scharons allgemeinen Versprechen zufrieden geben.

Bei der israelischen Attacke vom Dienstag handelte es sich um einen Vergeltungsschlag für palästinensischen Mörserbeschuss einer jüdischen Siedlung im "Gush Katif"-Siedlungsstreifen. Die israelische Armee bezeichnete die Ziele ihrer Attacken als mutmaßliche Abschussorte der Mörser, von denen wiederum vermutet wird, dass die Palästinenser sie entweder in einer geheimen Fabrik im Gaza-Streifen selbst herstellen oder aber aus dem benachbarten Ägypten durch Tunnel einschmuggeln.

Bei den Palästinensern fallen die Reaktionen auf die israelischen Vergeltungsschläge recht unterschiedlich aus. In der Stadt Gaza gibt sich die zivile Bevölkerung ausgesprochen gelassen: Die Kinder gehen in die Schule, die Geschäfte werden geöffnet. Wer Arbeit hat, geht dieser nach - Alltag in der nach wie vor von Israel weitgehend abgesperrten Stadt, aus der nur einige wenige wieder nach Israel zu ihren Arbeitsplätzen zurückkehren dürfen. Israel hat bisher nur rund 4000 Einreise-Genehmigungen, davon 1000 für Arbeitskräfte, wieder ausgegeben, während vor dem Ausbruch der Kämpfe Ende September 130 000 Palästinenser solche Papiere besaßen.

Die offiziellen Sprecher der Palästinenser geben sich alles andere als gelassen: "Dies ist eine Kriegserklärung an das palästinensische Volk und die palästinensische Autorität", also Jassir Arafats Autonomieregierung, behauptete der Polizeichef des Gaza-Streifens, Brigadegeneral Abdel Rasek Majshaida, über die "brutalen Attacken" der Israelis. Regierungssekretär Tahib Abdel Rahmin forderte erneut internationale Schutztruppen für die palästinensische Bevölkerung.

Das Kampfgeschehen eskaliert in den letzten zwei Wochen täglich, nicht zuletzt auf Grund neuer Taktiken, die beide Seiten anwenden. Diese Taktiken beweisen, dass sich sowohl Israelis als auch Palästinenser mittlerweile in einem Kleinkrieg befinden. Die Palästinenser haben sich auf den Beschuss von Siedlungen festgelegt, wobei sie fast täglich zu ihren bisherigen Zielen eine neue Siedlung hinzufügen. Die Israelis wiederum sind vom anfänglichen Einsatz von Kampfhubschraubern abgekommen. Die Palästinenser behaupten, dies sei aus Propagandazwecken geschehen, denn die über palästinensische Städte fliegenden Helikopter hätten sich auf den TV-Bildschirmen weltweit schlecht ausgemacht.

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