Politik : Nahost-Korrespondent Peter Gerner ist tot

Andrea Nüsse

Auch die staubigen, verdreckten Straßen Kairos konnten ihm nichts anhaben. Peter Gerner war immer von weitem zu erkennen: elegant gekleidet, im hellen Leinenanzug mit buntem Einstecktuch in der Brusttasche, gediegene englische Lederschuhe an den Füßen, der mitterweile grauweiße Schnauzbart ordentlich getrimmt. So seigneurhaft stiefelte Peter Gerner ein Vierteljahrhundert durch die arabische Welt, sprach mit Revolutionären, interviewte Könige und stritt sich mit Straßenhändlern über erhöhte Preise. Zuletzt von Kairo aus bereiste er alle arabischen Länder, insbesondere Jordanien, Irak, Jemen, Syrien und Palästina und berichtete darüber für den Tagesspiegel und andere deutsche Tageszeitungen sowie den ARD-Hörfunk. Mit Vorliebe stieg der Genießer in guten Hotels ab, das Interconti in Amman war sein zweites Zuhause. In dem paradiesischen Garten seines Lieblingshotels in Ost-Jerusalem, dem American Colony, brach Peter Gerner am Silvestertag nach der Rückkehr von einem Besuch in Bethlehem zusammen. Er verblutete wenig später durch einen Aortariss in der Bauchhöhle im nahegelegenen Hadassa-Krankenhaus.

Peter Gerner gehörte zu den kenntnisreichsten und erfahrensten deutschen Reportern in der arabischen Welt. Er kannte alle, war ständig unterwegs und für Neuankömmlinge in der Region eine kostbare Informationsquelle. Dank seiner hervorragenden Kontakte war er der erste deutsche Journalist, der nach dem Golfkrieg von 1991 wieder nach Irak reisen durfte. Seine Karriere begonnen hatte Peter Gerner in Paris, von wo aus er elf Jahre lang für deutsche Zeitungen berichtete.

1975 ging er in den Nahen Osten, zunächst nach Kairo, dann nach Beirut, und anschließlich nach Amman, wo er bis zuletzt für den ARD-Hörfunk arbeitete. Schließlich ließ er sich wieder in der ägyptischen Hauptstadt nieder, wo er zusammen mit seiner deutschen Frau lebte.

Trotz seiner Sympathie für die arabische Welt, konnte Peter Gerner sich auch zuletzt noch darüber aufregen, dass es den ägyptischen Ingenieuren nicht gelang, regelmäßig Wasser in seine Wohnung im 10. Stock zu pumpen, oder dass Müllsäcke einfach in den Hausflur geworfen werden. Völlig entnervt war Gerner erst vor sechs Monaten in eine neue Wohnung in Kairo umgezogen. Diesen alltäglichen Überlebenskampf ertrug Peter Gerner mit einer tüchtigen Prise Zynismus, die er auch den Herrschenden der Region entgegenbrachte. Und zwischendurch erholte er sich im heimatlichen Nürnberg und tankte im geliebten Berlin europäische Kultur und Savoir vivre auf.

Nicht verwegen, wie so mancher junge Kollege, der im libanesischen Bürgerkrieg oder anderen Waffengängen in der Region auf schnellen Ruhm hoffte, sondern beständig verfolgte Peter Gerner die Entwicklung in der vielen so rätselhaften und fremd anmutenden arabischen Welt. Seine Erklärungen werden uns fehlen.

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