Nahost-Korrespondenten berichten über Erlebnisse seit 2008 : Ist die Arabellion tot?

Der Journalist Martin Gehlen und die Fotografin Katharina Eglau berichten seit 2008 für den Tagesspiegel aus dem Nahen Osten. Sie haben die Aufstände und Revolutionen miterlebt und viele Länder bereist. Jetzt erzählten sie in Berlin von ihren Erlebnissen. Wir dokumentieren die Veranstaltung mit Tagesspiegel-Lesern in Auszügen.

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Ein Mann läuft am 15. August 2013 durch eine ausgebombte Moschee in Kairo.
Ein Mann läuft am 15. August 2013 durch eine ausgebombte Moschee in Kairo.Foto: dpa/picture alliance

Müssen Touristen in Kairo Angst haben?

Wir wohnen 15 Minuten Fußweg vom Tahrir-Platz entfernt im Kairoer Stadtteil Dokki. Während der Auseinandersetzungen im Juli und August war in dieser Gegend eine extrem gespannte Lage entstanden, weil eines der beiden großen Protestlager der Muslimbrüder auf der Dokki-Seite lag, nahezu vis-a-vis vom Tahrir-Platz auf der Kairoer Seite des Nils. Mehrmals gab es große Protestzüge, also Heerscharen von Leuten mit Knüppeln, Steinen und bisweilen auch Gewehren, die von der Dokki-Seite über die Nilbrücken auf die Tahrir-Seite vordringen wollten, um die Unterstützer des Putsches und der jetzt Herrschenden zu attackieren. Bei diesen Aufmärschen ist es mehrfach vorgekommen, dass diese Kolonnen dann auch durch unser Viertel zogen.

Vor gut vier Wochen, am 6. Oktober, feierte Ägypten seinen Nationalfeiertag. Auch an diesem Tag wollten die Muslimbrüder erneut den Tahrir-Platz erobern. Der Boulevard, der von Dokki über den Nil direkt zum Tahrir- Platz führt, dieser Boulevard liegt etwa 800 Meter hinter unserem Haus. Am Vormittag hatten wir noch bei den Unterstützern der neuen Führung recherchiert, die die Armee und die Absetzung von Mohammed Mursi auf dem Tahrir-Platz feierten. Nach der ersten Reportage für die Andruckausgabe wollten wir gegen 16 Uhr wieder zurück auf die Straße, um die heranziehenden Demonstranten der Muslimbrüder zu beobachten. Doch zu diesem Zeitpunkt hörten wir bereits bis zu unserer Wohnung automatische Gewehrschüsse, die von dem Boulevard zu uns herüberhallten. Am Abend haben wir dann erfahren, dass bei heftigen Kämpfen auf dieser Straße mehr als 30 Menschen erschossen worden waren – die meisten von Polizisten oder dubiosen Bewaffneten in Zivil.

Ägpyten: Ein Land kommt nicht zur Ruhe
Das Symbol der Anhänger Mohammed Mursis: die Hand mit vier ausgestreckten Fingern. Wut und Hoffnung liegen im Ägypten dieser Tage nahe bei einander. Fast täglich kommt es in den Städten zu neuen blutigen Auseinandersetzungen zwischen ägyptischen Soldaten und Gegnern des Militärs. Die Anhänger des gestürzten Mohammed Mursi protestieren noch immer, dem Präsidenten soll ab dem 4. November 2012 vor einem Kairoer Gericht der Prozess gemacht werden. Unterdessen werben in den Straßen der Hauptstadt Unterstützer von Militärchef Abdel Fattah al Sisi um Wähler.Weitere Bilder anzeigen
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10.10.2013 09:34Das Symbol der Anhänger Mohammed Mursis: die Hand mit vier ausgestreckten Fingern. Wut und Hoffnung liegen im Ägypten dieser Tage...

Das heißt natürlich nicht, wenn Sie nach Kairo reisen oder vom Flughafen in die Stadt fahren, dass Sie automatisch in solche Situationen hineingeraten müssen. Aber das heißt schon, wenn die Muslimbruderschaft ankündigt, sie will den Tahrir-Platz erobern und Sie zufällig zu Besuch in Kairo sind, dass Sie sich besser fernhalten. Die Polizei in Ägypten hat in den vergangenen Monaten mehr als 1000 Demonstranten erschossen – sie sind gegen Protestzüge der Muslimbrüder mit der Schusswaffe schnell zur Hand. Auch gibt es in Ägypten mittlerweile eine grassierende Fremdenfeindlichkeit, die schlecht zusammenpasst mit dem Image einer großen Touristennation. Betroffen sind vor allem die syrischen Flüchtlinge, aber teilweise auch westliche Ausländer.

Sie kennen sicher die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes, es gibt Warnungen für Kairo, auch für Luxor und das Niltal. Die mildeste Reisewarnung bezieht sich auf das Rote Meer und seine Badeküste. Sie sollten diese Hinweise nicht auf die leichte Schulter nehmen. Vor einigen Tagen hat in der tunesischen Küstenstadt Sousse ein Selbstmordattentäter versucht, in eine Hotelanlage einzudringen. Er ist im letzten Moment von Wachen an einem Hintereingang entdeckt worden und zündete dann seinen Sprengstoffgürtel im Garten des Hotels, ohne dass jemand zu Schaden kam. Hätte er in das Hotel eindringen können, hätte es dort ein Blutbad gegeben. So etwas kann man natürlich angesichts der extrem angespannten innenpolitischen Lage auch für Ägypten nicht ausschließen. Am Roten Meer liegen die Ferienressorts oft sehr einsam und die Bewachung ist sehr schwach. Darüber sollten Sie sich meiner Meinung nach im Klaren sein, wenn Sie einen Urlaub in Ägypten planen.

Chronologie des Nahostkonflikts
Mehrere Kriege, endloses Blutvergießen und kein Frieden in Sicht: Im Nahostkonflikt zwischen Israelis und Palästinensern ist auch nach über 60 Jahren keine baldige Lösung greifbar. Das "Heilige Land" mit dem Jerusalemer Felsendom und der Klagemauer als zentralen religiösen Stätten des Islam und Judentums bleibt weiter umkämpft. Nachfolgend eine Dokumentation der wichtigsten Etappen des Konflikts seit 1947. (Texte: dapd)Weitere Bilder anzeigen
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16.03.2012 18:41Mehrere Kriege, endloses Blutvergießen und kein Frieden in Sicht: Im Nahostkonflikt zwischen Israelis und Palästinensern ist auch...

Wie frei können Sie in den Ländern des Nahen Ostens arbeiten?

Die Freiheit, die man als Journalist zum Arbeiten hat, ist sehr unterschiedlich. Ich hatte in den vergangenen drei Jahren mehrfach versucht, ein Visum für den Iran zu bekommen, jetzt für kommenden Dezember ist erstmals wieder eine positive Antwort eingetroffen. Auch für Syrien habe ich seit Beginn des Volksaufstands nie ein Visum bekommen. Das Gleiche gilt für Bahrein. Die Behörden wollten mir zwar die Einreise gestatten, aber nur wenn meine Frau, die Fotografin Katharina Eglau, nicht mitkommt. Es gibt offenbar eine interne Anweisung des Kabinetts in Bahrain, keine ausländischen Fotografen mehr einreisen zu lassen. Denn sie könnten zufällig Zeugen werden von den häufigen Übergriffen der Sicherheitskräfte in den Vorstädten.

In Staaten wie Syrien oder Bahrain wird die Visumserteilung ganz offen gekoppelt an das politische Narrativ der Machthaber. Ein Journalist, dessen Artikel nicht der offiziellen Linie folgen, gilt als feindselig eingestellt und bekommt kein Visum. Auch in Ägypten ist die Arbeit in dieser Hinsicht schwieriger geworden. Ägypten trompetet momentan eine stark chauvinistische Selbstdarstellung in die Welt, die Absetzung von Mohammed Mursi durch die Armeeführung sei kein Putsch gewesen, sondern eine zweite Revolution. Das wird nun nach der Manier von Sektenpredigern als Indikator benutzt, um die Gesinnung vor allem der ausländischen Journalisten auf „politische Rechtgläubigkeit“ zu prüfen. Tag für Tag verkündet die offizielle Propaganda, das Ausland spioniere Ägypten aus, Amerika und Israel wollten Ägypten zerstören und führten Übles im Schilde. Mit solchen Verschwörungstheorien wird man praktisch rund um die Uhr konfrontiert. Auch das ägyptische Informationsministerium, das in allen seinen Verästelungen angeblich 9000 Angestellte haben soll, zeigt plötzlich nie dagewesene Aktivitäten. In den zurückliegenden Jahren ist die Behörde nur durch lautes Schnarchen aufgefallen. Jetzt auf einmal, nach dem Putsch durch das Militär, haben sie allen Auslandskorrespondenten bereits zweimal in gepflegtem Englisch eine mehrseitige Richtlinie geschickt, wie sie sich die Berichterstattung über Ägypten und die angebliche Wahrheit über die Zustände in Ägypten vorstellen. Beide Papiere hatten klar drohende Untertöne.

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