Politik : Nahost-Krise: Arafat zückt die Pistole

Andrea Nüsse

Die Nerven der Palästinenserführung liegen blank. Das überrascht wenig. Seit Monaten betreibt Israel eine systematische Kampagne zur Schwächung der Autonomiebehörde und seines Präsidenten Jassir Arafat. Seit zwei Monaten sitzt dieser in seinem Büro in Ramallah unter Hausarrest. Die Welt spekuliert, angeführt von den Israelis, über die möglichen Nachfolger des alten Palästinenserführers. Dennoch wirkt Arafat in Interviews kämpferisch und wenig resigniert. Dass die Lage doch an seinen Nerven zerrt, belegt ein lautstarker Streit, zu dem es am Dienstagabend zwischen Arafat und dem Sicherheitschef in der Westbank, Jibril Rajoub, kam. Der mächtige Rajoub der über gute Beziehungen zu den Israelis verfügt, wird als möglicher Arafat-Nachfolger, zumindest aber als "Königsmacher" im palästinensischen Lager gehandelt.

Angeblich soll Arafat in der Auseinandersetzung seine Pistole gezückt haben. Die einen Berichte sagen, seine Hand habe so gezittert, dass die Waffe zu Boden fiel. Andere behaupten, seine Leute hätten ihm die Waffe entwunden. Allein Informationsminister Rabbo bestritt gegenüber Reuters, dass es überhaupt einen Streit gegeben habe. Das vorläufige Ende der Auseiandersetzung war die öffentliche Loyalitätserklärung Rajoubs am Mittwoch in der palästinensischen Tageszeitung "Al-Quds". "Jegliche Meinungsunterschiede mit dem Symbol des nationalen Befreiungskampfes (Arafat) zu einer Zeit, in der israelische Panzer 70 Meter vor dem Präsidentenpalast stehen, sind Verrat, dem ich mich nicht anschließen kann," hieß es in der Erklärung.

Wahrscheinlich ging es in dem Gespräch nicht um wirkliche Meinungsunterschiede. Sondern eher um die Klarstellung, wer hier der Boss ist. Palästinensische Informanten erklärten dieser Zeitung, Arafat habe Rajoub beschuldigt, seinen Befehlen nicht zu gehorchen. Für Unmut hatte in der vergangenen Woche die Schießerei in einem Gerichtssaal in Jenin gesorgt, wo Rajoubs Leute drei Angeklagte nach der Urteilsverkündung einfach erschossen hatten, weil sie unzufrieden mit dem Urteil waren. In dieser Woche waren aus dem Gefängnis in Hebron 17 Gefangene entkommen, darunter drei Offiziere von Rajoub. In den Augen Arafats handeln der Sicherheitschef und seine Mitarbeiter damit zu eigenmächtig.

Rajoub soll Arafat in dem Gespräch nach Angaben palästinensischer Beobachter vorgeworfen haben, dass er keine klaren Richtlinien erteilt: Sollen die bewaffneten Al-Aksa-Brigaden nun aufgelöst werden oder nicht, soll er gefragt haben. Andere Berichte sagen, Rajoub habe die Brigaden, die zur Fatah-Bewegung gehören, angeblich nicht bekämpfen wollen. Rajoub habe dabei einen "harten" Ton gegenüber Arafat angeschlagen, den dieser nicht gewöhnt sei, erklärte ein palästinensischer Informant dieser Zeitung. Daraufhin habe Arafat den Sicherheitschef angeschrien, dieser habe sich umgedreht und das Büro verlassen. Der palästinensische Medienexperte Ghassan Khatib will den Vorfall nicht überbewerten. "Es ist durchaus üblich, dass Arafat die Leute anbrüllt wie ein Vater seinen Sohn, zumal wenn dieser so auftritt, als sei er schon erwachsen." Dennoch sieht Khatib in dem Zwischenfall ein Zeichen für die "Nervosität" der führenden Politiker und für die "Verschlechterung" der Situation.

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